2OO Bischof Bossuets Einleitung
mußten, konnte ihnen zeigen, daß ihr Zustand schlim-mer geworden sey, weil sie beständig schwächer, undzugleich doch auch freßbegierig'cr und blutdürstiger
wurden.
Die Nahrung der Menschen vor der Sündfluth,welche sie von den Früchten, die von freyen Stückenabfielen, und von den Krautern, die eben so geschwindreiften, ohne Mühe erhielten, diese Nahrung warohne Zweifel noch ein Ueberblcibsel von der ersten Un-schuld, und von der Sanftmmh, zu der wir erschaf-fen waren. Jtzt müssen wir zu unsrer ErhaltungBlut vergießen, ob uns schon dieses von Natur einenSchauer erweckt. Alle Künste, deren wir uns be-dienen, unsern Tisch angenehm zu machen, reichenkaum zu, uns die Aeser zu verstecken, die wir essenmüssen, um unsern Hunger zu sättigen.
Aber das ist noch unser kleinstes Unglück. DasLeben, das schon so sehr verkürzt ist, verkürzen wirnoch mehr durch die Gewaltthätigkeiten, weiche un-ter dem menschlichen Geschlechte einreisten. DerMensch, den man in der ersten Zeit das LebenderThiere schonen sah, ist nunmehr gewohnt, das Lebenandrer Menschen nicht zu schonen. Es warumsonst, daß Gott gleich nach der Sündfluth verbot,Menschenblut zu vergießen. Umsonst hatte Gott ge-boten, um noch einige Spuren der ersten Sanft-mut!) unsrer Natur zu erhalten, daß es zwar erlaubtseyn sollte, das Fleisch der Thiere, aber nicht ihri B, M, ?, 4. Blut, zu essen. Es gieng ein Mord nach dem an-i V.M.4,5!, dem vor. Es ist wahr, daß Cain noch vcr derSündflnth seinen Bruder seinem Neide aufgeopferti B. Mos, 4, hatte. Lamech , der vom Cain abstammte, hatte'5' den andern Mord begangen, und es ist kein Zweifel,daß es noch mehrere Mörder gegeben, welche diesen
ver-