Teil eines Werkes 
[Theil 1] (1748) Discours sur l'histoire universelle <dt.>
Entstehung
Seite
287
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in die allgemeine Geschichte. 287

unter den Juden. Sie erwarben sich im Anfangedurch die Reinigkeit ihrer Lehre, und die genaue Be-obachtung des Gesetzes ein großes Ansehen. Eskam dieses dazu, daß ihre Aufführung sanftmüthig,obgleich auch strenge war, uud daß sie in großerEmrracht unter einander lebten. Die Belohnungenund Bestrafungen eines zukünftigen Lebens, die siemit vielem Eifer behaupteten, erwarben ihnen vielEhre. Endlich nahm sie der Geist des Hochmuthesein. Sie wollten regieren, und maßten sich auch inder That einer uneingeschränkten Gewalt über das Volkan; sie machten sich zu Herren der Lehre und der Re-ligion . und verwandelten sie nach und nach in aber-gläubische Gebrauche, die ihrem Eigennütze, undder Herrschaft über die Gewissen, der sie sich anmaß-ten, vortheiihaft und zuträglich war. Der wahre Sinndes Gesetzes kam in Gefahr, verlohren zu gehen.

Zu diesen Uebeln kam noch ein größeres Uebel hin-zu, der Hochmuth und die Einbildung, eine Einbil-dung, die sich dieGaben Gottes selbst ganz allein zueigne-te. Die Juden / die an seine Wohlthaten gewohnt, undseit so vielen Jahrhunderten von seiner Erkenntnißerleuchtet worden waren, vergaßen es, daß alleinseine Güte sie von andern Völkern abgesondert hatte,und sahen seine Gnade, als eine Schuld an. Weilsie seit zwey tausend Jahren das auserwählte und ge-segnete Geschlecht Gottes waren, so glaubten sie, daßsie allein würdig waren, Gott zuerkennen, und glaub-ten von einem bessern Stoffe, als die übrigen Menschen,zu seyn, die die Erkenntniß Gottes nicht hatten.Dieses war Ursache, daß sie die Heiden mit einer soerstaunlichen Verachtung ansahen. Die Herkunftvom Abraham nach dem Fleische schien ihnen ein

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