gereichte einem Menschen nichts zu einer größer»Schande, als wenn er sich von geborgten Gürern er-hielt. Ein solches Leben schien ihnen ein müßiges,schandliches, knechtisches Leben, und desto verächtlicherzu seyn, je mehr dasselbe zu Lügen verleitete. Ver-möge einer Großmuth, die der Nation natürlich war,begegneten sie überwundnen Königen sehr wohl. Wennsich nur die Kinder derselben einigermaßen nach ihrenUeberwindern richten konnten, so ließen sie dieselben in ih-rem Lande fast mit allen Merkmalen ihrer ersten Ho-heit regieren. Die Perser waren artig, höflich, frey-gebig gegen die Fremden, und wußten sich ihrer sehrwohl zu bedienen. Leute von Verdiensten waren im-mer unter ihnen bekannt, und sie scheuten keinen Auf-wand, um sie zu gewinnen. Es ist wahr, sie habe»keine vollkommne Erkenntniß von der Klugheit erlangt,welche lehrt, wie man wohl herrschen soll. Ihr großesReich wurde immer mit einiger Verwirrung regiert.Siekonnten das schöne Geheimniß nicht finden, welches dieRömer so wohl zu brauchen gewußt, das Geheimniß, alleTheile eines so großenStaates zu vereinigen und ein voll-kommnes Ganzes daraus zu machen. Persien wurde da-her auch immer durch wichtige Rebellionen beunruhiget.Unterdessen waren sie nicht in aller Politik unerfahren.Die Gesetze der Gerechtigkeit waren unter ihnen be-kannt, und sie haben große Könige gehabt, die überdie Beobachtung derselben mit einer bewundernswür-digen Genauigkeit gehalten haben. Die Verbrechenwurden mit der größten Strenge bestraft, doch aber mitdiefer Mäßigung, daß man die ersten Verschen sehrleicht vergab, den Rückfall in dieselben aber mit denunbarmherzigsten Strafen zu verhindern suchte. Siehatten sehr gute Gesetze, welche sich alle von» Cyruö
Teil eines Werkes
[Theil 1] (1748) Discours sur l'histoire universelle <dt.>
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