Teil eines Werkes 
[Theil 1] (1748) Discours sur l'histoire universelle <dt.>
Entstehung
Seite
683
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Abhandlungen. 68z

sen, welche die Kirche dafür hält, und die göttlicheOffenbarung wird am Ende immer die einzige Richt-schnur seyn, nach welcher er seine Untersuchung an-stellt.

Ich will dieses noch mit einer Anmerkung bestäti-gen. Es sind nicht alle Menschen so träge, daß siedie Rechte ihrer Natur lieber aufgeben, als sich in dieverdrießliche Arbeit einlassen sollten, etwas sorgfältigzu untersuchen. Allein das ist nicht der natürlicheZustand des Menschen; die Schlafsucht ist allemalein untrügliches Kennzeichen eines kranken Körpers,der ganz in Unordnung gebracht ist. Man sollte der-gleichen trage Geister lieber aufzuwecken suchen,als durch die Ermahnungen, seine Seligkeit seinenLehrern zu überlassen, noch mehr einschläfern. Wennalso der Mensch nicht aus einer unedlen Bequem-lichkeit aufhört, vernünftig zu seyn, und selbst zu urthei-len, so wird er sehr eifersüchtig über die Rechte seinesVerstandes halten. Er wird alle äußerliche Macht,die ihn zwingen will, etwas als Wahrheit zu glauben,wovon er noch nicht überzeugt, ist, als eine Tyrannenansehen und hassen. Das wird auch kein Verbrechenseyn, so lange die äußerliche Macht, die ihn nöthigenwill, etwas zu glauben, nicht Gottes Macht ist; die-ser aber wird er so wenig, als der Wahrheit widerste-hen können. Ein Glaube, der sich nur allein auf das An-sehen gründet, ergiebt sich eigentlich nicht der Wahrheit,sondern dem Ansehen, und was ist er also anders, als einVorurtheil? Ein Mensch mit einem gesunden Ver-stände haßt dieVorurtheile; seine natürlicheEmpfindunglehrt ihn,daß sein Verstand so frey ist,als sein Wille; daßsein Verstand durch nichts als durch die Wahrheit, oderdurch denSchein der Wahrheit gezwungen werden kann,