284 Geschichte der christlichen Religion»
lehrete nicht, daß ein jedes Land, und ein jederMensch seinen besondern Schußengel hatte. DieseLehre war eine menschliche Erfindung, und sie harteihre Vergötterung der blinden Hochachtung der Kir-chenvater für die neuern platoniker zu danken.Noch vielweniger betrachtete die Offenbarung dieEngel und die Seclen der Heiligen als Mittler undFürsprecher der Menschen bey Gott; sie lehrete viel-mehr ausdrücklich, daß nur ein Mittler wäre, deruns mit dem Vater aussöhnen müßte. Wer weisaber nicht, daß dieses in den abergläubischen Zeitender Kirche die Irrthümer waren, auf welche sich diegottesdienstliche Verehrung und Anbcthung der En-gel und der Heiligen gründete? Wer weis nicht, wasdie Christen des dritten und der nachfolgenden Jahr-hunderte für irrige und seltsame Begriffe von derGewalt der bösen Geister über den menschlichen Kör-per hatten? Sahen nicht die Asceten die Empfin-dungen der Wollust als Wirkungen des Satans inihre Leiber an, die sie nicht anders zernichten zu kön-nen glaubeten, als wenn sie ihre eigenen Henker wür-den. Die Nachrichten von dem Leben der Ascetenbeweisen solches sehr deutlich. So wurde Anconius,wenn man dem Athanasius glauben will, als er
^»,,/>^. s^h in die Einsamkeit begeben hatte, ein beschauli-^- Leben daselbst zu führen, von dem Satan durch
^' weltliche Gedanken, besonders durch Flammender N?ollust, die er in seinen Gliedern entzün-dete, und endlich durch wirkliche Erscheinungen des-selben angegriffen. Wer kann die Fabeln alle erzäh-len, welche dieser einzige Irrthum gebohren hat?Es ist unglaublich, wie viel selbst die christlichen Phi-losophen der damaligen und nachfolgenden Zeiten
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