Zweyter Abschnitt. 527
verlangte Victor, daß sich die asiatischen Gemeinen„ach der Gewohnheit seiner Kirche richten sollten?Und warum gaben die asiatischen Gemeinen, aus Liebezum Frieden, nicht nach? Was war anders Ursachedaran, als die Meynung, daß in alten Gebrauchender Kirche keine Aenderung erlaubt wäre? Wurdedadurch nicht der in der Folge so schädliche Irrthumbekräftiget, daß alle alte Gebräuche zum Wesen derReligion gehöreten? Die Streitigkeiten darüberkennten nicht anders, als durch die Tradition ent-schieden werden; denn in der Offenbarung war hier»über keine Entscheidung zu finden. So gelangtedenn die Tradition nach und nach zu ihrem derWahrheit so schädlichen Ansehen; erst galt dasselbenur bey Uneinigkeiten über Gebräuche, und endlichwurde ihr auch das Nichteramt in Streitigkeitenüber Lehren anvertrauet. Hatte ein Bischof einenEinfall, den er für eine göttliche Wahrheit gehal^ten wissen wollte, und er konnte durch die Offenba-rung nicht bekräftiget werden: so berief er sich nur .auf eine geheime mündliche Sage, die er von seinenVorfahren empfangen haben wollte. Es herrschteschon, wie in den vorhergehenden Betrachtungenangemerket worden ist, gegen das Ende des zweytenIahrhunderteS,und im dritten, die schlimme Gewohn-heit, den Irrgläubigen nicht das Ansehen der Schrift,sondern das Ansehen der rechtgläubigen Gemeinenentgegen zu sehen.
Weit wichtiger war der Streit über die Noth-wendigkeit der Kirchenbuße bey denen, welche ent-weder in den Verfolgungen den Glauben verleugnethatten, oder in andere Verbrechen gefallen waren.Es ist nichts gewisser, als die Wahrheit, daß über
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