Zweyter Abschnitt. ' M
«nd andern ähnlichen Lobsprüchen der Märtyrer zudem Irrthume verleitet, daß ihre Leiden verdienst-lich waren. Hatten sie nun den Schlüssel zum Him-mel: warum sollten sie nicht auch den Schlüssel zurKirche haben? Diese Meynung ward dadurch nochmehr bestärket, daß man das Ansehen und die Ge-walt ihres Gebeths bey Gott allzusehr erhob. Manmuß merken, daß hier nur von solchen Märtyrerndie Rede sey, welche entweder noch hingerichtet wer-den sollten, oder andere leibliche Martern ihres Glau-bens wegen ausgestanden hatten, ob sie gleich demTode noch entgangen waren. Denn daß man ihrebesondere Fürsprache auch nach dem Tode noch erhal-ten könnte, davon wußte man damals noch wenig.Vielleicht wurde der angeführte Irrthum noch nichtso deutlich gedacht, als er hier ausgewickelt wordenist; er hatte auch wohl das Ansehen einer göttlichenWahrheit noch nicht erhalten: allein, der Grund zudiesem Irrthume war durch die halb gnostische,halb platonische, und von vielen Kirchenlehrern schoncmgcnommene Mepnung geleget worden, daß derMensch mehr thun könnte, als ihm befohlen wor-den wäre, weil es eine zwiefache Art der Heiligkeit,eine erhabenere und eine niedrigere gäbe? Genug,man kann daraus sehen, woher der Troß der Ge-fallenen auf die Vorbitten der Märtyrer seinen Ur-sprung nahm. Man sieht auch, daß man bis indiese Zeiten zurückgehen müsse, wenn man die erstenSpurender abergläubischen Ehrfurcht der nachfol-genden Zeiten gegen die Märtyrer entdecken will.
Die Gründe, mit welchen sich die Bischöfe denFederungen der Gefallenen und Märtyrer widerscH-ten, waren so beschaffen, daß sie einem andern schon
genieß