Teil eines Werkes 
Theil 2 (1752) Jacob Benignus Bossuet, Bischofs von Meaux, Einleitung in die Geschichte der Welt, und der Religion / fortgesetzet von Johann Andreas Cramern, Hochfürstl. Oberhofpredigern in Quedlinburg
Entstehung
Seite
335
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Zweyter Abschnitt. 335

man lieber fasten, als essen wollen; man mufflVerke der Gerechtigkeit ausüben, durch wel-che die Sünden hinweggenommen werden;man muß fleißig Allmosen geben, als durchwelche eine Seele vom Tode errettet wird-So vortrefflich auch bey?e Stellen seyn mögen, wennman auf ihre Beredsamkeit sieht: so verwerflich sindsie, wenn man erwäget, daß dadurch äußerlicheMerkmaale der Buße, und zwar solche Kennzeichen,welche so ungewiß und betrügerisch sind, und öfterHeuchler verbergen, als aufrichtige Herzen bezeich-, nen, zu einer Genugthuung für die Sünden devMenschen gemacht werden. Klagen, Seufzen,Thränen, Fasten, Kasteyungen und andere willkühr-lich angenommene Zeichen der Traurigkeit sind, sc>zusagen, nur das Ceremoniel oder die Sprache derBuße. Es ist nicht allezeit die Folge, daß mannicht denken kann, weil man seiner Sprache nichtmächtig ist, oder daß man allezeit denke, wie manredet. Es verhält sich mit der Buße nicht anders.Es kömmt nicht allezeit auf den Ausdruck, aber al-lezeit kömmt es auf die Wahrheit der Reue an. Wieviele Menschen giebt es , die in der größten Trau-rigkeit und Niedergeschlagenheit, weder klagen nochweinen können! Wenn nun eben diese Menschen,deren Aeußerliches den Ausdruck der Schmerzen undder Reue nicht annimmt, sich doch nothwendig die-sem Ceremoniel der Buße unterwerfen sollten: wür-den sie sich nicht zwingen müssen, Heuchler zuwerden? Oder wird vielleicht ein anderer bußfer-tiger seyn, den die Natur weichmüthiger gebildet,und seine Augen fähiger gemacht hat, einen uner-schöpflichen Vorrath von Thränen auf alle Vorfälle

aus-