Zweyter Abschnitt. 353
begierde der Menschen wird gereizet, wenn über dieMeynungen großer Geister gestritten wird. Daman sich sonst wenig um sie bekümmert hätte: sowill man sich nunmehr von ihren Lehren selbst unter-richten ; und wenn an einem Manne, den nicht alleinseine Wissenschaft, sondern auch sein Leben berühmtmachet, offenbare Ungerechtigkeiten begangen werden:so verursachet das günstige Vorurtheil für ihn, und derUnwille wider seine Verfolger, daß man an ihmnicht allein alles entschuldiget, sondern selbst das Feh-lerhafte an ihm auf der besten Seite betrachtet. Ei-nen solchen Ausgang nehmen vie meisten Streitig-keiten der Religion.
Von dem Glauben der ersten Kirchein den ersten drey Jahrhunderten, an die
Grundwahrheiten der geoffenbarten
AVe christliche Religion ist zwar so fest auf die göttlichen Aussprüche der Offenbarung gegrün-det, daß sie des Beystandes menschlicher Zeugnisseohne Gefahr entbehren kann; dennoch ist derMensch so sehr geneigt, Beyspiele vor sich zu sehen,daß ihm die Wahrheit selbst, wenn sie auch noch sosehr durch überzeugende Gründe bestätiget ist, ver-dächtig wird, wofern sie keine Anhänger hat. Erwird lieber ihrer Feindinn folgen, und mit demgroßen Haufen irren, als die Wahrheit allein undohne Gesellschaft glauben. Das kömmt daher, daßder größte Theil des menschlichen Geschlechtes zuII. Theil. Z bequem
Religion.