Zweyter Abschnitt. 335
verflossen. ' Wenn es keine geschriebene Offenba»nmg giebt; wer ist mir in den von den Tagen derApostel soweit entfernten Zelten ein Bürge, auf deirich mich sicher verlassen rann, daß diese oder jeneLehre, deren Zusammenhang mit andern unleugba-ren Wahrheiten der Vernunft mir unsichtbar undalso unbewiesen ist, wirklich eine göttliche Wahr«heit sey? Ich kann mich also auf keine bloß mensch-liche Fortpflanzung verlassen. Nur eine schriftlicheOffenbarung kann einen allgemeinen PyrrhonismuSin der Religion verhindern, wenn Gott seinem Vol-ke nicht immer Propheten erwecken will, die manan wirklichen Wundern für göttliche Propheten er-kennen kann. Ich will also nichts für eine göttlicheLehre halten, wofern ich nicht überführet bin, daßsie entweder eine Wahrheit ist, welche ich durch den-ordentlichen Gebrauch des natürlichen Lichtes meinerVernunft erkennen kann, oder daß sie Gott zu glau-ben gebiethet. In dem letzten Falle kann ich demGedächtnisse eines bloßen Menschen nicht trauen;ich muß eine schriftliche Offenbarung haben, von derich gewisse Beweise habe, daß ihr Ursprung göttlichist. Diese Grundsätze erzeugeten, wie wir bald se-hen werden, bey den ersten Christen ihre große Ehr-furcht gegen die heilige Schrift.
Als Gott in den Zeiten des alten Bundes die sozahlreichen Stamme Israels zu seinem Eigenthumsund Volke erwählete: so grub er selbst den wichtig-sten Theil ihrer Religion, das Sittengesetz, in stei-nerne Tafeln ein. Er überließ also dem Gedächt-nisse der Priester die Verwahrung der sittlichen undder ceremonialischen Gesetze nicht. Wenn Gott die-ses gethan hätte: woher hatte daö Volk die wahre