Teil eines Werkes 
Theil 2 (1752) Jacob Benignus Bossuet, Bischofs von Meaux, Einleitung in die Geschichte der Welt, und der Religion / fortgesetzet von Johann Andreas Cramern, Hochfürstl. Oberhofpredigern in Quedlinburg
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486
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486 Geschichte der christlichen Religion.

der in unsern Tagen seine Stärke verloren hat. DieVerfolgungen erweisen, daß allein die christliche Re-ligion, den Menschen zu so erhabenen Tugenden an-reizen könnte. Wie eifrig mußten sie Gott dienen,wie groß mußte ihre Selbstverleugnung und wie un-ermüdet ihr Fleiß, in der Unsträflichkest seyn, wennsie bey dem Anblicke von Scheiterhaufen, von eiser-nem glühenden Smhlcn, von feurigen Rosten, undandern Folterwerkzeugen, dennoch der Gottseligkeitgetreu bleiben wollten! Wer konnte an der Gründlich-keit ihrer Tugend zweifeln? Das würde aber gesche-hen senn, wenn sie einen beständigen Frieden unter denheidnischen Beherrschern genossen hätten. Satan,der erste und größte Freygeist, weil er nach dem Aus-drucke eines englischen Dichters, der größte Dumm-kopf ist, zweifelte an Hiobs Tugend nur so lange, alser in allen Stücken glücklich und gesegnet war. Gott wollte, daß seine Religion eben so reich an Beyspie-len , als an Lehren und Vorschriften seyn sollte.

Die Verfolgungen mußten oft die Christen ausdem Schlummer aufwecken, in welchen sie etwa einelange Ruhe und Glückseligkeit eingewieget hatte.Die ersten Lehrer der Kirche geben besonders bey denletzten großen Verfolgungen den innern Verfall desChristenthums und den erkalteten Eifer seiner Beken-uer als eine Ursache an, welche Gott bewogen habe,ihnen neue Verfolger zu erwecken. Die Abbildung,^' welche Cyprian von dem Zustande der Kirche vor derdecianischen Verfolgung macht, ist traurig. Schonbrannten viele Christen von einer unersättlichen Be-gierde nach Reichlhümern. Die Gottseligkeit schienunter den meisten Priestern erstorben, die Liebe unddie Zucht unter den Gemeinen ganz erkaltet zu seyn.