Teil eines Werkes 
Theil 2 (1752) Jacob Benignus Bossuet, Bischofs von Meaux, Einleitung in die Geschichte der Welt, und der Religion / fortgesetzet von Johann Andreas Cramern, Hochfürstl. Oberhofpredigern in Quedlinburg
Entstehung
Seite
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568 Geschichte der christlichen Religion.

daß wir nüchtern bleiben, sondern daß wir die welt-lichen Geschaffte auf einige Zeit unterlassen und unsmit geistlichen Betrachtungen unterhalten sollen.Richteren wir unser Leben mit einem nüchternen Gemü-the ein, und wendeten unsere Muße auf geistliche Be-schaffrigungen, und nahmen nur so viel Speise, alswir zu unserer Sättigung brauchten, und brächtenwir unser Leben mit guten Werken zu: so wäre garkein Fasten nöthig.

Ueberhaupt hatte das Fasten unter den Rechtgläu-bigen, in Ansehung, seiner eigentlichen Beschaffenheit,noch keine bestimmte Regel. Noch hielt man dieEnthaltung von gewissen Arten der Speisen und Ge-tränke für keine besondere Tugend. Nur unter denIrrgläubigen war die Enthaltung von Fleische und5oc,>?? /. s. Wein ein Merkmaal der erhabensten Heiligkeit. Ei-^ nige enthielten sich in der Fastenzeit aller Speisen ausdem Thierreiche. Andere aßen von Fleischspeisen bloßFische, andere auch Vögel, weil sie glaubten, daßsie auch aus dem Wasser erschaffen worden wären.Einige enthielten sich überhaupt aller Früchte undEyer. Andere aßen bloßes Brodt; andere auch diesesnicht einmal. Andere fasteten bis um die neunte Stun-de des Tages; andere bis auf den Abend. Die mei-sten aber pflegten sich aller Speisen bis auf die Nachtzu enthalten. Denn, wenn diese eingebrochen war,pflegten sie ihren Körper durch eine maßige Mahlzeitwieder zu erquicken.

Bey diesem Fasten hatten die Christen noch aller-ley Gewohnheiten, die, so lange sie lein Gesetz wurden,welches die Gewissen der Menschen verband, in derThat löblich waren. Diese Zeiten waren vornehmlichder Andacht und dem Gebethe, das sie kniend verrich-teten,