Teil eines Werkes 
Theil 2 (1752) Jacob Benignus Bossuet, Bischofs von Meaux, Einleitung in die Geschichte der Welt, und der Religion / fortgesetzet von Johann Andreas Cramern, Hochfürstl. Oberhofpredigern in Quedlinburg
Entstehung
Seite
574
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574 Geschichte der christlichen Religion.

Opfern alsdenn nicht schon ein Misbrauch? Dennder unverständige Haufen hielt sich an dieses äußerlicheMerkmaal der Gemeinschaft mit der Kirche, und ver-gaß , was der Mensch nur allzugern vergißt, daß ihnuur ein wahrer Glaube und ein wirklich heiliges undtugendhaftes Leben zum wahren Mitgliede der Kirchemache. Die irrigen Begriffe der spätern Zeiten vonder Kirche sind alle daraus vornehmlich entstanden,daß mandieBeobachtunq gewisser kirchlichen Gebrau-che für eben so nothwendig, als die Beobachtung desSittengeseßes gehalten, und sie zu apostolischen Gese-tzen gemacht hat. So wurden zum Exempel bey demöffentlichen Gottesdienste der Christen gewisse Bech-formulare üblich. Sie hatten auf einige Zeit ihrenwahren Nutzen, so lange nämlich, als die Ohren desVolkes derselben nicht allzugewohnt wurden. IhrGebrauch erhielt sich einige Zeit. Sie waren viel-leicht, dem Inhalte nach, vortrefflich ; man hielt esalso nicht für nöthig, Aenderungen darinn zu machen.Es kamen Zeiten, wo man sich ein Gewissen darübermachte, Aenderungen in Sachen vorzunehmen, denenein langer Gebrauch ein ehrwürdiges Ansehen gegebenhatte. Oder man wagte sich auch nicht, dieses zuthun, weil man bey dem Volke anstößig zu werdenfürchtete. Dieses ist unstreitig eine von den Ursachen,warum in dem Gottesdienste der occidentalischen Kir-che , der doch durchgängig in den ersten Zeiten in derSprache des gemeinen Mannes gehalten worden war,die lateinische Sprache auch noch zu der Zeit blieb,wo der große Haufe sie nicht mehr verstund.

Es giebt gotteödienstliche Gebräuche, die nicht zuweit alisgedehnt werden müssen, wo sie nicht Mis-bräliche erzeugen sollen. Was für eine erhabene Ce-remonie