Zweyter Abschnitt. 577
Dem ungeachtet verdienet die Bescheidenheit undMäßigung der ersten Kirche in der Einführung neuergottesdienstlicher Gebräuche, bey so vielen Veranlas-sungen , die sie dazu harte, bewundert zu werden.Denn man brauchte nicht zu erstaunen, wenn ihrGottesdienst mit weit mehr Ceremonien beschweret ge-wesen wäre. Man sollte aber vermuthen, daß erimmer lauterer und geistlicher hätte werden müssen,je bekannter und ausgebreiteter die Grundwahrheitender christlichen Religion wurden. Doch zum Be-weise, wie wenig oft die Menschen bey dem HellestenLichte sehen, werden die künftigen Jahrhunderte dieseVermüthung widerlegen, und uns überführen, daß,je ceremonialischer der Gottesdienst der Christen ge-worden ist, desto verderbter und irriger auch ihre Re-ligion geworden sey.
Wer kann die Widersprüche begreifen, die dasmenschliche Herz fassen kann? Unsere Z iten sind so er-leuchtet , daß fast alle Menschm beweisen können, essey gleich viel, ob man sein Gebeth gegen den Mor-gen oder gegen den Abend verrichte. Man hat so vielVerstand, daß man auch die kleinsten Flecken derSinnlichkeit und des Aberglaubens an den ersten Chri-sten zu entdecken weis. Man entwickelt die seichtenBeweisgründe eines Cvprians, wenn er alle Taufeder Irrgläubigen verwirft; man kann alle Fehlschlüs-se in ihrer Bloß? zeigen , von welchen sich ein Nova-tian verleiten ließ, die Sünder, welche die Religionverleugnet hatten, von den heiligsten Handlungendes Gottesdienstes auszuschließen. Man behauptetmit der größten Fremnüthigkeir, und mit Rechte, daßschon das zweyte und dritte christliche Jahrhundert invielen Stücken von der Reinigkeit und Unschuld derII Theil. O 0 apo-