Teil eines Werkes 
Theil 2 (1752) Jacob Benignus Bossuet, Bischofs von Meaux, Einleitung in die Geschichte der Welt, und der Religion / fortgesetzet von Johann Andreas Cramern, Hochfürstl. Oberhofpredigern in Quedlinburg
Entstehung
Seite
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578 Geschichte der christlichen Religion.

apostolischen Zeiten abgewichen sey. Diese Wissen-schaft ist sehr ausgebreitet. Wer sollte nicht glauben,daß unsre Zeiten weit apostolischer und christlicherseyn müßten, als das zweyte und dritte Jahrhundertder Kirche, weil sie mehr Einsichten zu haben schei-nen?-- Doch ich beschreibe nicht die Schicksale, wel-che die Religion in unsern Tagen erfahrt. Ich ma-che bloß die Anmerkung, daß, wenn auch die erstenChristen einige überflüßige Gebräuche und Ceremonienbey ihrem Gottesdienste hatten, ihre Gemüther demungeachtet von einer wahren Furcht vor Gott und ei-ner ernstlichen und aufrichtigen Liebe gegen die Tugenderfüllet waren. Ihr Gottesdienst hatte die Absicht,wie Plinius zu ihrem Lobe sagen mußte, keine Bos-heiten auszuüben, keinen Mord zu begehen, nieman-den das Seinige zu verweigern, und, wie der größteSpötter, Lucian, gestund, einem jeden ihrer Brüderin seinen Bedrängnissen mit dem größten Eifer bey-zustehen. Wäre diese Ehrfurcht vor Gott und dieseHochachtung gegen die Tugend ; diese Ueberzeugung,daß man nicht eher groß und glücklich sey, als wennman alle seine Pflichten auf das strengste erfülle,nicht so tief in die Seelen der ersten Christen gepflan-zet gewesen: was hätte sie denn bewegen können, dieVersammlungen auch alsdann nicht zu verlassen, wennsie von den schrecklichsten Gefahren deswegen bedrohetwurden? Das Aeußerliche in dem Gottesdienste derersten Christen kvnnte gewiß weder ihre so brünstigeLiebe gegen den Erlöser, noch die Unschuld ihresWandels erzeugen. Wenn die Göttlichkeit der Reli-gion nicht so viel Gewalt über ihre Herzen gehabt hät-te: so würden sie sich der strengen Zucht nicht unter-worfen haben, die in allen christlichen Gemeinen beob-