Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1782)
Entstehung
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Einleitung.

nur zu oft, weil singen Brot brachte. Bey der gro-ßen Finsterniß, welche alle übrigen Wissenschaftendeckte, blieb der Verstand unaufgeklärt, und dieSeele leer an Begriffen und fruchtbaren Vorstellun-gen. Die schönen Kunstwerke der Griechen undRömer waren unsern Dichtern entweder unbekannt,oder wenn sie selbige ja kannten, so kleideten sie sie,anstatt sie zu studieren und sich nach ihnen zu bilden,in die geschmacklose Tracht ihres Jahrhunderts.Den Trojanischen Krieg kannten sie nur aus demDares phrygius, dem Virgil , (!>vid, Äsop u. s. f.nur aus den Übersetzungen oder vielmehr Verklei-dungen der Franzofen, die sie wieder in elende Deut-sche Reime übertrugen, und, fo wie jene, überallbiblische und weltliche, wahre und erdichtete Ge-schichte, kalte Sittenlehren, und gedehnte alltaglicheBetrachtungen einschalteten. So überfetzte Hein-rich von Deldecb', einer der besten unter ihnen, dieAeneis aus dem Französischen, und Albrecht vonHalbcrstädt die Verwandelungen des Gvids.Unmöglich würden sie die Arbeiten der Alten so ha-ben verunstalten können, wenn sie im mindesten Gc-schmack und Empfindung des Schönen gehabt hät-ten. Erfindungskraft, Witz, Begeisterung, kurz,dichterisches Genie, fehlt ihnen ganz, und von ihremarmseligen dramatischen Geschmacke ist der XriccKt?u ^VartburA ein redendes Beyspiel. Man ver-gleiche sie mit einem Gsstan und andern Herrsi-schen Dichtern, so wird man die heutigen Mcister-sänger eben keines großen Stolzes beschuldigen,wenn sie sich in gerader Knie von den SchwäbischenDichtern herleiten.

Allerdings giebt es Stellen, und oft ganze Ge-dichte unter ihnen, welche gefallen; allein das giltnur alsdann, wo auch die ungebildete, sich selbst

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