Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1782)
Entstehung
Seite
55
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II. Deutsche Sprache. 55

überlassene Natur gefällt, z. B. wenn sie den Mai,den Sommer, die Empfindungen der Hebe singen>wo sich bey den Dichtern höhern Standes nicht sel«ten Geschmack und feines Gefühl zeigt. Aber auchhier fehlt ihnen die Kunst der Mannigfaltigkeit undNeuheit; daher denn ihr ewiges Einerley, zumahlda sie aus Armuth des Geistes sich so oft selbst ab--zuschreiben pflegen. So bald sie das Feld der an«genehmen Empfindungen verlassen, werden sie matt,prosaisch und oft ekelhaft; am unausstehlichsten sindsie, wenn sie Gegenstände der Religion und Sitten-lehre besingen, wo sich die Dichtkunst allemahl aufdas grausamste an ihnen rächet.

Alles was man daher zum Vortheil der SchwS?bischen Dichter sagen kann, ist dieses, daß sie dierohe Natur so roh nachahmen, als sie sie fanden.Es fehlte ihnen an Gefchmack, sie da, wo es nöthigist, zu verschönern, und nur zu oft an Beurthei-lungskraft, nur das Schöne zu wählen.

Was ich von dem fehr rohen Zustande detDichtkunst diefer Zeit gesagt habe, gilt auch vonder Sprache, welche zwar ungleich reicher, geschmei-diger und ausgebildeter ist, als zwey Jahrhundertezuvor; aber doch dabey die noch rohen Sitten unddie eingeschränkten und mangelhaften Begriffe die-ser Zeit sehr deutlich verräth und verrathen muß.Ihre rauhen Doppellaute und Härten zeugen vonden harten Sprachwerkzeugen, und von der Leibes-stärke, welche zum Nachtheile der Vollkommenhei-ten des Geistes noch immer das schätzbarste Ver-dienst ist, und die noch sehr auffallende Unbiegsamkcirund Eintönigkeit ist ein Beweis der Eingeschränktheitder Begriffe. Sie zum Nachtheil unserer heutigenSprache empfehlen, heißt, wieder zu den Trebernzurück kehren, von welchen man gekommen ist.

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