IV. Deutsche Sprachlehre. 99
Abev, sagt man, der blinde Gebrauch des un-wissenden Volkes hat tausend Unrichtigkeiten undUngleichheiten in die Sprache eingeführet, und eSist die Pflicht weiserer Glieder die Gesellschaft dieseUnrichtigkeiten wegzuschaffen, eine Sprache aufihre wahre Analogien zurück zu führen, und wenndas nicht auf einmahl möglich ist, dem blindenGebrauche doch nach und nach eine Furche ab-zupflügen. — So viel Worte, fo viel unrecht ver-standene und irrige Sähe; aber um nicht zu weit-läufig zu werden, muß ich es bey ein Paar Anmer-kungen bewenden lassen.
i. Der blinde Gebrauch. Jede Sprache istnach dunkel empfundenen Ähnlichkeiten erfunden, er«weitert und ausgebildet worden; wenn man daFunter dem blinden Gebrauche verstehet, so möchteich den sehenden kennen lernen, oder mit andernWorten, man nenne mir eine Sprache, welche jenach deutlich erkannten Gründen erfunden oder aus--gebildet worden. In diesem Verstände ist jederGebrauch in der Sprache blind, obgleich das, wasnach dunkel empfundenen Ähnlichkeiten in einerSprache eingeführet worden, nachmahls von man-chen nach deutlicher Erkenntniß kann beybehaltenwerden. Verstehet man aber unter dem blindenGebrauche Abweichungen von bekannten Analogien,wovon wir jetzt den Grund nicht einsehen, so folgtdaraus noch nicht, daß bey der ersten Einführungkein Grund dazu vorhanden war. Ein rohes un-gebildetes Volk, und dieses ist allemahl Sprach-erfinder, thut nichts ohne Grund; und wenn der-selbe gleich nur dunkel empfunden wird, so ist esdoch ein Grund, und rein schlechterer, als ein jederanderer in der Sprache, weil, wie ich im folgenden
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