Einleitung
edel, schön und wohlanständig zu denken, sondernauch das Gedachte auf die edelste, beste und wohlan-ständigste Art auszudrucken. Wer diese drey Eigen-schaften in beträchtlichem Maße besitzet, kann aufden Vorzug eines classischen Schriftstellers inseiner Sprache Anspruch machen.
Zum Glücke haben wir solche Schriftsteller,und die Nation kennet sie zu gut, als daß sie ge-nannt werden dürften. Zwar hat jeder dieserSchriftsteller seine Eigenheiten und seine Fehler, aberer muß sie haben, weil er ein einzeleS Individuumist, und der höchste Grad der Vollkommenheit einemjeden endlichen Geschöpfe unerreichbar bleibt; al-lein diefe Eigenheiten, diese Fehler sind durch Ver-gleichung mehrerer solcher Schriftsteller leicht zuentdecken, und man wird sich nie irren, wenn mandas, worin sie alle, oder nur viele von ihnen über-ein stimmen, für den allgemeinen und besten Hoch-deutschen Sprachgebrauch hält.
Ich will bey dieser Gelegenheit noch eines Sa-tzes gedenken, welcher sehr oft mißverstanden wird.Man sagt gemeiniglich, die Sprache erhalte ihreBildung und Festigkeit nur allein von guten Schrift-siellern, und besonders von guten Dichtern. Ei-gentlich bilden sie nun die Sprache wohl nicht, siesammeln nur das allgemein Gute und Schöne, wasschon in der Sprache ausgebildet da liegt, heben e6heraus, und stellen es der Nation in einem schönverbundenen Ganzen dar. Wagen sie neue Aus-drücke, neue Verbindungen, neue Figuren, so ge-schiehet es allemahl nach den Regeln der strengstenAnalogie, die ihnen ihr Geschmack gar bald ent-deckt. Sind dergleichen Schriftsteller die ersten ih-rer Nation, so tragen sie allerdings zur Bildung ih-rer Nation und Sprache viel bey, weil ihr Beyspiel