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die den Geist des Denkers verrathen. Ihn der Untreuein seinen Berichten beschuldigen; einer absichtlichen Erhc-bung und Verschönerung seiner Gegenstände auf der einenSeit?/ und der Herabsetzung und Verdunkelung auf derandern, ihn anklagen zu wollen, würde eben so viel hassen,als ihm in allen seinen Annalen und Historien den Glau-den benehmen, ihn unter die schlechtesten Historiker herab-würdigen und bekennen wollen, daß er vor den Augen undOhren des Trajans , der ihn bey jeder falschen That er-tappen konnte, abscheulich gelogen habe. Nein, man be-urtheile den Tacitus nach seinen Absichten, studiere ihndarnach, so wird man ihn überall als den Mann finden,den wir an ihm gewohnt sind.
X
Der Weg, der unsern Tacitus zu seiner Absicht führensollte, war der Plan, den er sich dabey entworfen hatte.Ein vollständiges Gemählde ihrer Sitten sollte darin denersten Platz einnehmen. Man kennt die wahre Größe einesVolks, einer ganzen Nation nicht eher, und man lernt auchnicht eher richtig davon urtheilen, als wenn man weiß,nach welchen Sitten, bürgerlichen Verfassungen, Rcligions-begriffen, Uebungen und Auferzichungsregeln es lebet.Alle Fortgange, die es darin macht, alle Abweichungen,die darin erfolgen, alle Schattirungen, in welche es balddurch diese, bald durch jene Umstände gesetzt wird, bcstim?men auch den vcrhaltnißmaßigcn Begriff von ihren gutenoder schlimmen Sitten, von einer despotischen, oder repu»blicanischcn Regierungsform, von einer einsaitig dummen,oder überklugen, eifrigen oder gemassigten, oder gar nichtglaubenden Religion, von der Liebe zur Tugend oder demHang zum Laster, und von den Ausbrüchen und Uebungen
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