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Zur Geschichte und Litteratur : aus den Schäzen der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel / von Gotthold Ephraim Lessing
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und'fteyemWillkühr stehet, ja manchem nach seiner Ein-sicht von sich selbst zu erhalten, unmöglich wird? Ent-weder umffen dadurch Heuchler im Christenthums entste-hen, oder man muß ihnen auch erlauben, daß sie freyund ohne Krankung ihres bürgerlichen Wohlstandes be-kennen, sie glaubten es nicht, und könnten sich aus denund jenen Ursachen von dem Glaubenssystcm und dessenArtikeln nicht überführen. Die Menschen sollen glau-bcn, ehe sie noch zu den geringsten Begriffen, Urtheilenund Prüfungen des geglaubten fähig sind. Sie sollenglauben, was über die Vernunft ist, ehe sie von dem,was der Vernunft fasslich ist, eine Einsicht haben. Wieläßt sich eine Religion, oder Erkenntniß Gottes, ohnealle Begriffe, ohne alles Vermögen der Einsicht pflanzen ?Wie kann ein geheimnißvoller Glaube Statt finden, dernicht auf die Anfangsgründe einer vernünftigen Religiongcbauet ist? Daraus kann nichts als ein blinder Glau-be entstehen, da die Menschen selbst nicht wissen, waSsie glauben, noch warum sie es glauben. Denn weilman ihnen von der Kindheit an alle vernünftige Erkennt-niß von Gott und göttlichen Dingen in den Lehrbüchernsorgfaltig entzieht, und ihnen wider die Vernunft undderen Gebrauch in dem, was des Geistes Gottes ist,kraftige Borurtheile beybringt: so kann nichts, als einblinder Glaube übrig bleiben. Die Menschen sollen oh->,ne Vernunft blos glauben, und dadurch fromme Chri-sten werden; da doch der Mensch allein dadurch, daß ereine vernünftige Creatnr ist, vor allen Thieren einer Re-ligion fähig wird, und sich durch vernünftige Bewegungs-gründe zum. Guten ziehen läßt. Wie kaun man denn

Christen