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Zur Geschichte und Litteratur : aus den Schäzen der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel / von Gotthold Ephraim Lessing
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bisher schlechterdings noch keine Handschrist von unsernFabeln bekannt, die sich durch eine ausdrückliche Zahrzahlzu dem iztcn Jahrhunderte legitimirte. Alle übrige, so-wohl die zweyte der Schweizer , als die welche D. Scherzgebraucht hat, nebst den vieren unsrer Bibliothek, sin'öwenigstens ein Jahrhundert jünger, ja einige derselbenwohl zwey; wie nicht ans blosser kritischer Schaßung,sondern aus den ausdrücklich beygefügten Zahrzahlen zuerkennen.

Doch ich bin weit entfernt, mich eines AhnlichenTrugschlusses schuldig zu machen, und blos daraus, daßalle Handschriften viel neuer sind, den Dichter selbst fürso viel neuer zu erklaren. Es sind vielmehr ganz andereUmstände, woraus ich schlössen zu köunen glaube, daß erwenigstens jünger seyn müsse, als der Verfasser des Ren-Nerv, und vermuthlich in der letzten Hälfte des vierzehn-ten Jahrhunderts geschrieben habe. Umstände, die we-niger von 'Anschein und Geschmack abhängen, und fastden Werth förmlicher Zeugnisse haben.

Einmal also, daß unser Fabeldichter jünger alsHugo von Trimberg , der Verfasser des Renners,seyn müsse, läßt schon Trimbergs Stillschweigen von ihmvermuthen. Denn Trimberg schweigt nicht allein vonihm, welches so viel als nichts beweisen würde; sondernschweigt an Stellen von ihm, die gerade der Platz gewe-sen wären, seiner zu gedenken; an Stellen, an welchener so vieler andern deutschen Dichter des iztcn Jahrhun-derts gedenkt, die zu Anfange des i^ten noch gelesen wur-den; an Stellen, wo er die ganze deutsche lectüre seiner

Zeit