Zeitschrift 
Zur Geschichte und Litteratur : aus den Schäzen der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel / von Gotthold Ephraim Lessing
Seite
240
Einzelbild herunterladen
 

( 24<? )

Zene sechs Zeilen waren mir nicht bloß in Absicht dessen,was sie ankündigten, sondern auch deswegen merkwürdig,weil sie von den Anfangszeilen der beyden Abdrücke desFre^dank und der Handschrift des Hrn. Dr. Anronmerklich abgehen, und wie mirs scheint, viel vorzügli-ches vor diesen haben. Die gereimte Vorrede der worm-scr Ausgabe fangt freylich auf eine ähnliche Art an:

Ich bin genant der Freidanck;

Mit ehrn treib ich manchen schwanck.Aber wie unedel ist dieser zweyte Vers gegen jenen, wirk-lich vortrefflichen:

Göttliche lieb mich Dichtens zwang!Die dritte Zeile giebt es weit besser und bestimmter an,daß Bescheidenheit der eigentliche Titel des ganzenGedichrs ist, da in den gedruckten Ausgaben und jenerHandschrift das erste Kapitel ron der Bescheidenheitüberschrieben ist, und sich anfangt:

Ich bin genant Bcscheidenheyt,

Die aller tugend krön anff treyt.So ist auch die Leseart des sechsten Verses:

Vil menschen sein an snnnen kranck

weit

Hr. Bodmer erklärt dieß Wort, wie es hier gebraucht wird,sehr richtig von der Tugend, Ziel und Maaß in feinem Thunund Lassen zu halten. Das bestätigen auch folgende beydenStellen im Aenncr, die offenbar Nachahmungen jener bey,den Verse sind: Bl. 22. a.

Dann masse mit bcscheidenheyt

Aller tugende kröne tregr.und Bl. ZZ. b.

Unser zaun ist bescheidenheyt

Die aller tugend Rrone tregr.

»