S6
Wolfgang Menzel über die Missionen.
(Fortsetzung.)
Zu Gengenbach waren neun Priester unermüdlich thätig im Beichtstuhle undVußpreoigen, und dieselben Thränen, dieselbe Zerknirschung, dieselben guten Vorsätzewiederholten sich an allen Orten, wo die Missionäre wirkten vom Elsaß bis zumbayerischen RieS und vom Odenwalde bis zum Bodensee . Ein Augen- und Ohren-zenge meldet von den modernen Nachfolgern des Columbanus und Bonifacius : „Inwürdigster Weise zeichnete sich unter diesen höchst würdigen Dollmetschern der strafen-den Gerechtigkeit und liebevollen Barmherzigkeit Gottes der Pater supenor Ambro-siuS Zobel aus. Die Barmherzigkeit Gottes scheint diesen frommen Natursohn derTiroler Alpen ganz besonders berufen und ausgewählt zu haben. Darum hat sie ihmdie Macht volksthümlicher Veredtheit, hinreißender Sprache, eine mit vieler Erfahrungim Seelsorgerlichen Amte verbundene profunde theologische Wissenschaft und die Kunstzu erschüttern und zu überzeugen verliehen, wie nicht kickt einem Andern. Mit wel-chem Segen dieser Mann von hohen Borzügen wirkte, das haben ihm die Thränen-ströme, welche von Tausenden bei seiner Schlußrede vergossen wurden, das laute Weh-klagen, in das die Anwesenden ansbrachen, am beredtesten dargethan. Nur Augen-zeugen können sich von der dabei herrschenden Rührung eine gehörige Vorstellungmachen. Dieses Zeugniß des katholischen Volkes für seine Wirksamkeit ist um sogewichtiger, da dieser Priester, wie seine Amtsbrüder überhaupt, nicht Rührung erkün-stelte, sondern mit dem scharfen Messer der Beweise auf Ueberzeugung drang. Dieganze Reihenfolge ihrer Predigten steuerte auf dieses Ziel los, denn die dreiundzwanzigMorgenbetrachtungen legten dem Volke den reichhaltigen Schatz der Gebote Gottesund der christlichen Tagesordnung auseinander. Diesen schloß sich eine Riihe vonVorträgen an über die Gebrechen und Laster unserer Tage, welche mit diesem gott-heitlichen Wirken im grellsten Widerspruche stehen und den Jammer unserer Tage gebo-ren haben. Der Fluch dieses Unheiles für Zeit und Ewigkeit wurde in starken Zügenvor Augen gehalten, in einer Sprache, welche den allerdings großen Theil der Zu-hörer fortriß zu den Richterstühlen der Buße; ja sie klammerten sich an die Beicht-stühle an, harreten, Männer und Weiber, Jünglinge und Jungfrauen, hochbetagteGreise und alte Frauen meist mehrere Tage, ja Nächte, oft ganz ohne alle und jedeNahrung auS, bis sie vom Priester Worte des Trostes vernommen hatten. Wohl an10,000 empfingen das heilige Sacrament der Buße und des Altares. Darauf folg-ten die Rettungsmittel unserer Tage, die in der Anerkennung des hohen Werthes derunsterblichen Seele, im Worte der Offenbarung, in der Nachfolge Christi , in derNeugeburt deS christlichen Charakters, im Familienleben, dem gegenseitigen Verkehreund in der Sonntagsfeier liegen. Der christlichen Erziehung, den besondern Pflichtender Jünglinge, Jungfrauen, Väter und Mütter waren mehrere sehr ergreifende Vor-träge gewidmet. Alle diese Materien wurden mit gebührendem Zartgefühle gegenandere christliche Confessionsverwandte vorgetragen, waö gerade auch von. mehrerenderselben dadurch anerkannt wurde, daß sie sehr vielen Vorträgen mit ungetheilterAufmerksamkeit und hohem Interesse anwohnten und mit den Katholiken namentlichauch die Verehrung für den Vorsteher theilen."
Was außer den eindringlichen und AlleS zu Thränen bewegenden Bußpredigten,der Beichte und Communion in vorzüglichem Grade bei den Misstonen die Gemütherergriff, waren folgende zwei Acte: Einmal wurde knieend von den Priestern zuerst,dann vom Volke, endlich von den Kindern feierlich Abbitte geleistet vor dem Aller-heiligsten, und sodann wurde ein hohes Kreuz aufgerichtet. Ein Augenzeuge derMisston in Säckingen bemerkt dazu: „Das Volk selbst hatte die Mission verlangt.Unter dem Einflüsse der modernen Gesetzgebung, einer meist radicalen, den Unglaubenfördernden Schulmeisterei und in JndifferentismuS erschlaffenden Kirchenwesens — sahdas Volk auch auf seinen Bergen mit jedem neuen Jahrzehnt Blüthe um Blüthe seinerschönern und bessern Tage verwelken, alte ehrwürdige Sitte und Zucht, Glauben und