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Treue dahinschwinden, — dagegen (besonders in den jungem Geschlechtern) Unglau«ben und städtische Sittenloflgkeit, Zerwürfniß und Zerrissenheit in Gemeinden und Fa-milien zerstörend Platz greifen; es sah dieses voll des tiefsten Schmerzes, eS klagtelaut, aber seine Klagen fanden kein Gehör, bis statt des glaubenstreuen Hauen-steiners die blutige Faust der Empörer an den Thüren klopfe. Die Revolution ver-schaffte der Religion wieder einige Beachtung, der Freiheitsbaum weckte die Sehnsuchtnach dem Kreuzesbaume."
Man sieht, wie sehr die alte Mutterkirche im Vortheile ist, da sie solche Mee-tings halten kann, ohne die mindeste Besorgniß vor einer Ausschweifung oder Lächer-lichkeit, Vor dem tiefen Ernste ihres Sacramentcs der Buße weicht der Spott, wiedas Verbrechen. Es bedarf hier keiner Concessionen und Umschweife, um den Men-schen im innersten Geiste und Gemüthe zu ergreifen. Der kirchliche Gehorsam läßtnicht mit sich markten, er wird gleich ganz verweigert oder voll geleist-t. Die Auto-rität der Kirche wird aber den rohen Volksmassen zum dringenden Bedürfnisse ammeisten dann, wenn sie eben die des Staates mit Füßen getreten haben.
Es kann hier nicht übergangen werden, was in den katholischen GebietenDeutschlands sonst noch geschehen ist, um die gesunkene Autorität der Kirche wiederzur Geltung zu bringen. Die Bedeutung jener Missionen wird dadurch um so an-schaulicher.
Am AuSgange des vorigen Jahrhunderts war die katholische Welt nicht wenigerwie die protestantische dem Ernste des Glaubens und der Sitte entfremdet worden.Die Vornehmen huldigten dem Geiste Voltaire's , oder dem, wenn auch sittlichen, dochseichten Josephinismus. Dem letzten geistlichen Kurfürsten von Köln durfte der berüch^ligte EulogiuS Schneider das Kompliment machen, er halte ihn für keinen Ka-tholiken, und der Kurfürst — lächelte freundlich. In Bayern wühlten die Jlluminaten.In Wien spielte Blumaucr den kleinen Voltaire und Kaiser Joseph II. und sein Mini-ster Kaunitz spotteten des Papstes, der bekümmert über die Alpen gekommen war.Nur noch der niedere KleruS und das „gemeine Volk" bewahrten in ihrer allgemeinbelächelten Dummheit den von den Vätern ererbten Hort der Frömmigkeit. Manwird den übrigen Regierungen deö damaligen Enropa kaum Unrecht thun, wenn manbehauptet, Napoleon sey es zuerst gewesen, der wieder auf die große Bedeutungder Kirche aufmerksam gemacht habe, wenn er es auch nicht verstand, sie so vollkom-men richtig zu behandeln, daß sie ihm ihre Gegendienste nicht hätte versagen müssen.In der Restaurationszeit herrschten Diplomatie und Bureaukratie so bequem und thatensich nach dem langen Kampfe in Europa und den unter Napoleon erlebten Demüthi-gungen so viel zu gute, daß sie es sehr unsanft vermerkten, wenn in der Kirche etwaeinmal das Gelüsten nach Unabhängigkeit sich regte. Man fütterte die Bischöfe undbehing sie mit Orden. Man stellte ein paar Liguorianer zur Schau und ärgerte dasaufgeklärte Publicum mit dem Scheine der Bigotterie, ließ aber der That nach keiner-lei Ultramonlanismus aufkommen. Fürst Metternich war durch und durch Ghibelline.Es gehörte eine Revolution und ein liberales Ministerium dazu, um, vom alten Sy-steme abweichend, die Emancipation der Kirche zu decretiren. Nur in den kleinernkatholischen Staaten Deutschlands und in den paritätischen Staaten, auf den Univer-sitäten Bayerns, Württembergs, Badens (?) und Preußens (?) wurden die Regun-gen des kirchlichen Geistes nicht unterdrückt, der mit unwiderstehlicher Gewalt zu-erst in Belgien und Frankreich hervordrängte. Man mußte doch endlich dieEntdeckung machen, daß in dem dummen Köhlerglauben des niedern KleruS und„gemeinen Volkes" ein Fonds von unschätzbarem Werthe stecke. Man mußte rück>blickend in die Geschichte, den ungeheuern Umfang von Macht erwägen, die der alteGlaube gewähre. Alle Regierungen Frankreichs , wie rasch sie auf einander folgten,erwogen diese Macht, und wie Ludwig XVIII. und Karl X. , so huldigten LudwigPhilipp und Cavaignac und Ludwig Napoleon der Kirche. Die erste französischeRepublik des Jahres 1792 schaffte die christliche Religion ab und überlieferte ihrePriester dem Messer der Guillotine. Die zweite vom Jahre 1843 beeilte sich, eine