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Die Tugend hält sich in Mitte der Laster
Ein Geschenk Gottes ist die Tugend und unter seine besten Gaben zu rechnen.Die Tugend ist anverwandt mit der Weisheit. Doch haben sie nicht Eine und die-selbe Wirkung auf die Seele, sondern sie richten sich nach den verschiedenen Bedürf-nissen derselben als verschiedene Theilnehmerinnen daran. Nach diesem Grundsatze isteS etwas anders für die Seele, von der Tugend bewegt, und wieder etwas anderes,von der Weisheit geleitet zu werden: etwas anderes in der Tugend herrschen, undwieder etwas anderes in der Annehmlichkeit sich ergötzen. Denn die Lebenskraft weiStauf die Tugend, die Gefälligkeit der Seele auf Weisheit hin, die mit geistiger An-nehmlichkeit verbunden ist. Daher ist stehen, widerstehen, Gewalt mit Gewalt vertrei-ben, waS zu den Geschäften der Tugend gehört, zwar eine Ehre, aber eine Mühe.Denn eS ist nicht Ein und dasselbe die Ehre mühsam vertheidigen und sie ruhigbesitzen. Es ist nicht Eines, von der Tugend getrieben zu werden, und die Tugendzu genießen. Was die Tugend sich erarbeitet, daS ordnet die W«isheit. Die Weis-heit überlegt, mäßiget, die Tugend führt auS. „Weisheit schreibe in der Ruhe,"sagt ein ein Weiser. Also ist die Ruhe der Weisheit ihre Geschäftigkeit, und je ruhi-ger die Weisheit ist, desto mehr Uebung hat sie nach ihrer Art. Jbr gegenüber istdie geübte Tugend berühmter und bewährter, je pflichtgetreuer sie ist. Und wennJemand die Weisheit Liebe zur Tugend nennt, scheint er mir nicht von der Wahrheitabzuirren.
Talent, Kunst, Verstand und andere dergleichen Dinge erlangt man umsonst,anders aber die Tugend, Denn die Tugend will mit Demuth erlernt, mit Mühegesucht, mit Liebe behalten werden Denn da sie aller dieser Dinge werth ist,so kann sie nicht anders erlernt, gesucht und erhalten werden. Tapferkeit oderStarkmuth ist nothwendig gegen die Versuchungen zur Sünde, damit wir dem brül-lenden Löwen tapfer im Glauben widerstehen und seine feurigen Pfeile mit diesemSchilde männlich aushalten. Gerechtigkeit ist nöthig, damit wir Gutes thun.Klugheit ist nothwendig, damit wir mit den thörichten Jungfrauen nicht verworfenwerden. Mäßigkeit endlich ist nöthig, damit wir uns den Wollüsten nicht hin-geben. „Schrecklich ist Gott in seinen Rathschlägen über die Menschen-kinder." Aber wann Er schrecklich ist, so wird Er auch barmherzig gefunden, daer die Art deS künftigen Gerichtes nicht verbirgt. Eine Seele, welche sündiget, sollsterben. Der Zweig, der nicht Frucht bringt, wird abgehauen. Die Jungfrau, welchekein Oel hat, wird von der Hochzeit ausgeschlossen. Und wer Gutes empfangen hatin diesem Leben, wird im ewigen gepeiniget. Wie, wenn es sich zufällig träfe, daßbei einem Jeden derselben diese vier Dinge sich vorfinden, das wäre wahrhaft dieäußerste Verzweiflung!
Görlitz (in Schlesien). Am Weihnachts -Heiligen-Abend v. I. langte vonSr. Majestät dem Könige Ludwig von Bayern eine schöne, die katholische GemeindeHierselbst hocherfreuende Weihnachtsgabe an, welche für die hiesige neue im Baubegriffene katholische Kirche bestimmt ist. Auf Verwendung Sr. Eminenz unsereshochwürdigsten Herrn CardinalS und Fürstbischofs hatte Se. Majestät gnädigst ver-sprochen, für die neue Kirche das Altarblatt zu schenken. Dieses königliche Geschenk,Christus am Kreuze darstellend, kam nun am Abende vor Weihnachten hier an underregt bei Allen, die es zu sehen Gelegenheit haben, um seines hohen KunstwertheSwillen ungemeineS Wohlgefallen. Die katholische Gemeinde aber wird nimmer deSDankes vergessen, den sie dem hohen Geschenkgeber dafür schuldet. (Schi. K.-Bl.)