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„Haltet eS für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in mancher-lei Anfechtungen fallet." Denn die Trübsal ist eine nothwendige Sache, diein Herrlichkeit, und die Traurigkeit, die in Freude verwandelt wird. Wahrhaft einelange Freude, weil sie Niemand uns nehmen wird, eine vielfache Freude, eine v>Xl-ständige Freude. Die Noth ist ein größeres Gut, als das Wohlleben. Beide ver-gehen schnell, daS letztere hat Strafe, die erstere eine Krone zu erwarten. Ein noth-wendiges Ding ist die Noth, welche eine Krone bringt. Freuen wir uns in derTrübsal, denn in ihr ist die Hoffnung auf Herrlichkeit wie im Samen die Erwartungder Frucht. Auf diese Weise, wenn nur daS Reich Gottes in unS ist, befindet sichein ungeheurer Schatz in gebrechlichem Gefäße, in einem geringen Acker. Er ist vor-handen, sage ich, aber er ist verborgen: die Herrlichkeit ist verborgen und verstecktfür uns in der Trübsal. „Ich bin bei ihm in der Trübsal," spricht Gott , undich soll indessen etwas Anderes suchen, als Trübsal? „Mir aber ist Gott an-hangen gut." „Nahe ist der Herr denen, die betrübten Herzens sind."Er steigt herab, damit Er in der Trübsal bei uns sey.
Gut ist es mir, o Herr, Trübsal zu leiden, wenn nur du bei mir bist, undbesser, als herrschen ohne dich, als köstlich speisen ohne dich, als sich rühmen ohnedich. Besser ist es in der Trübsal dich umfangen, dich bei mir im Feuerofen zu haben,als ohne dich sogar im Himmel zu seyn. DaS Gold prüft der Ofen, und gerechteMänner die Anfechtung der Trübsal. Dort, dort bist du mit ihnen, o Herr, undbist in der Mitte der in deinem Namen Versammelten. Was zittern, waö zaudernwir, warum fliehen wir diesen Ofen? Das Feuer wüthet, aber mit uns ist der Herrin der Trübsal. „Wenn Gott uiit uns ist, wer ist dann wider uns?"
Wo eigene Flecken sind, wird auch mit Recht eigene Reinigung gefordert, undwenn daS Vergehen vielfach ist, muß auch die Trübsal vielfach seyn. Denn woherkommt die Trübsal, als vom Widerstande gegen die Sünde, als vom Kampfe desGewissens? Denn wie viele Reize der Leib, wie viele Vergnügungen die Welt hat,so viele Trübsale leidet, so viele Anfechtungen hält aus ein gerechter Mann. Undwie Einer, der nach dem Fleische wandelt, und die Sinnenlust hoch anrechnet, sowird auch Jeder, der im Geiste auszusäen verlangt die Dörner und Disteln, welchedie eigene Erde dem Fluche gemäß trägt, dieselben mehr auszurotten, als zu verbrei-ten sich bestreben. „In meinem Elend habe ich mich bekehrt, währendder Stachel in mir haftete."
Gleichwie der Arzt nicht nur der Salbe, sondern auch des Feuers und EisenSsich bedient, womit er Alles, waS bei der Heilung der Wunde überflüssig heraus-wächst, wegbrennt und wegschneidet, damit er die Gesundheit, welche aus der Salbehervorkommt, nicht verhindere, so verordnet auch der Arzt der Seelen, Gott, für einesolche Seele Anfechtungen, schickt ihr Leiden, wodurch sie heimgesucht und gedemüthi-get wird, verwandelt ihre Freute in Trauer, und läßt sie seine Offenbarung fürTäuschung halten.
192. Tugend..
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Vergeblich strebt nach der Höhe des Ruhmes, wer sich nicht vorher ausgezeichnethat durch Tugend. Denn was ist daS für Ruhm ohne Tugend? Er kommt wahrlichunverdient, wird voreilig geheuchelt, mit Gefahr angenommen. Der wahre Ruhm istallein der, welcher mit Recht verdient und mit Sicherheit ertheilt wird.
Groß und selten ist die Tugend, damit du, obwohl du Großes thuest, nichtwissest, daß du groß seyest, und deine Heiligkeit dir allein verborgen sey, wenn siegleich Allen bekannt ist. Daß du wunderbar erscheinest, und dich für verächtlich hal-test, das halte ich für ein größeres Wunder, als deine Tugenden.
Umsonst arbeitet Jemand in der Erwerbung der Tugenden, wenn er sie anders-woher hoffen zu können glaubt, als vom Herrn der Tugenden, dessen Lehre einePflanzschule der Klugheit, dessen Barmherzigkeit ein Werk der Gerechtigkeit, dessenLeben ein Spiegel der Mäßigkeit, dessen Tod ein Zeichen der Tapferkeit ist.