Ausgabe 
11 (23.3.1851) 12
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Toledo .

(Aus einem Pnvatschrciben in der Dentschen Volkshalle.)

Es gibt keine Stadt in Spanien , wo die neue Ordnung der Dinge mehrUnheil gestiftet hat, als in dem spanischen Köln, Toledo oder Toledoth, wie dieJuden diese Stadt nannten. Nichts als Ruinen. llucxl non teeerunt Lgrbsri,seoerunt Larbsrini, wie die Römer sagen; dieß Sprichwort kann auch auf Toledo angewandt werden. Was die rohe Soldateska eines Napoleon dort verschont hatte,das haben die Freunde des Lichtes und der Aufklärung des 19ten Jahrhunderts demErdboden gleich gemacht. Die schönsten Kirchen und Klöster, Denkmäler der Kunst,die der berühmte Pons in seinem VisZe <Ze Lsp-ma aus dem Jahre 1765 mit beson-derer Vorliebe näher bezeichnet, sind ganz verschwunden: Schutt und Steinhaufenzeigen, wo sie einst gestanden. Das berühmte Hospital sür kranke Pilger, gestiftetvom Cardinal Mendoza, dem großen Vorgänger des großen LimeneS oder Cisneros,wie die Spanier ihn lieber nennen, ist jetzt die Militärschule sür 300 Cadetten. Indem berühmten Kloster San Juan de los reges, wo heute noch die Zelle gezeigt wird,wo der damals noch einfache Franciscanermönch Ximenes einige Jahre lebte, ist jetztdaö Vrovincialmusenm undla pls?s cls toros!" Der Dom, der es allein schonverdient, nach Toledo zu reisen, ist des größten Theiles seines Schmucks beraubt;365 große silberne Lampen, worunter sehr viele von Benvenuto Cellini, sind währendMendizabals Gewaltherrschaft ans den Gewölben und Schiffen dieses altehrwürdigenGebäudes verschwunden. Früher bestand das Domcapitel aus 48 Domherren, denreichsten der katholischen Welt; jetzt sind nur noch 11 dort, und diese so arm, daßsie sich kaum ordentlich kleiden können. Seit 22 Monaten hat kein Geistlicher inToledo von der Regierung den ihm zugesagten Gehalt bekommen. Während man inMadrid Millionen vergeudete, um der Thalia einen Tempel zu errichten, nnd dortimmer noch auf Mittel sinnt, der jungen, zwar herzensguten, aber wenig gebildetenKönigin mit Vergnügungen aller Art die Zeit zu vertreiben, läßt man in Toledo den herrlichsten Tempel des dreieinigen Gottes nach und nach verkommen. Zum Lobeder Chorherren und der ganzen Klerisei (Küster und Kirchenvögte mit Inbegriffen)muß ich jedoch bemerken, daß der Gottesdienst noch immer, trotzdem, daß die Ge-nannten seit Jahr und Tag nicht bezahlt werden, mit der strengsten Ordnung abge-halten wird. Der Erzbifchof, sonst der reichste der katholischen Christenheit (seinEinkommen bestand ungefähr aus 60 Mill. Realen oder 15 Mill. Franken), beziehtjetzt von der Negierung 520,00(1 Realen oder 25,000 Franken, kann aber, da erauch nicht regelmäßig bezahlt wird, sich in Toledo gar nicht aufhalten und lebt, wieman dreist behaupten kann und soll, vom Almosen der Königin. Jsabella hat demjetzigen Cardinal-Erzbischof eine Wohnung in ihrem Palaste angewiesen; auch wird er,sammt der Dienerschaft, aus der königlichen Küche gespeist. Weihbischof ist seit dreißigJahren keiner in Toledo; die Ordinationen finden daher immer in Madrid statt.Thut Gott kein Wunder, oder tritt nicht bald eine andere Wendung der politischenVerhältnisse ein, so ist, bevor zehn Jahre vergehen, das einst so reiche uud bevölkerteToledo ein Dorf; denn aus Mangel an Nahrung zieht AlleS von dort weg.

Welche Idee machte man sich in Deutschland vor einigen Monaten noch, undwelche Idee hatte ich selbst vor meiner Abreise noch von Spanien , wo ich früherAlles mit donquirotischen Augen betrachteteI In Madrid ist Alles Lug und Trug undeitler Prunk, in den Provinzen aber viel Jammer und Elend. Statt daß eS besserwerden soll, wird es alle Tage schlechter. Seit Einführung der Konstitution habenalle Minister gestohlen (ein Erbfehler der spanischen Beamten); die größten nnd unver-schämtesten Diebe waren aber die letzten; wie diese gestohlen gränzt an's Fabelhafte;in einem andern Puncte aber haben sie sich von gar Keinem übertreffen lassen; Nar-vaez und Sartorius waren Wüstlinge, die viel Unheil in diesem Lande und vorzüglichin Madrid augerichtet haben. Hat Gott Spanien lieb, so darf er diese Menschen niewieder an'S Ruder kommen lassen; es wäre des Landes Untergang.

Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen.

Verlags-Jnhaber: F. C. Krem er.