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Schau aber nur auf die ewigen Güter, so wirst Du leicht sehen, daß alles irdischeGut nichtig , sehr unzuverlässig unv mit vielen Mühseligkeiten verbunden ist, und ohneFurcht und Angst nicht besessen werden kann. (Nachfolge Christi 1, 22).
Wie manchem Unzufriedenen könnte man mit Recht erwidern: Du bist wahrhaftunglücklich, nicht weil Du arm bist, sondern weil Du nicht auf Gott vertrauest, weilDu, mit dem Unentbehrlichen nicht zufrieden, nach Uebcrflüssigem trachtest. Wie Vieleklagen über Gott und die Welt, weil sie das, was für sie und die Ihrigen zum Unter-halte ausreichte, in Unmäßigkeit und Schwelgerei vergeudet. Wie Viele darben undklagen, weil sie in der Jugend ihre Geistes- und Körperkräfte nicht geübt, sich nichtbestrebt haben, ein-stilles Leben zu führen, ihr eigenes Geschäft zu treiben, mit ihreneigenen Händen zu arbeiten, wie eS der Apostel befohlen hat (I.THess. 4, 11); wäh-rend sie ihre eigene Trägheit und ihr müßiges unthätiges Leben anklagen sollten.
Während der gottselige Hausvater für das Geringe, was ihm erübrigt, Gott dankt und mit Vertrauen zu Ihm betet, und -zu seinen Kindern spricht: Wir führenzwar ein armes Leben, aber wir sind reich genug, wenn wir Gott fürchten, vor jederSünde fliehen und Gutes thu» (Tob. 4, 23), hören wir in dem Hause, wo Gott vergessen wird, die wildesten Ausbrüche von Verwünschungen und Flüchen über Weibund Kind, und statt des heiligen Gebetes furchtbare Gotteslästerungen. Wie kannder Segen des Ewigen über ein Haus kommen, in welchem Sein Name täglich ent-heiligt wird? Und was soll ich sagen von der Unredlichkeit, von den Kunstgriffen derLüge und des Betruges, womit man sich durchzuhelfen sticht? Was von den Beispielender Unmäßigkeit, von den schändlichen Reden selbst in Gegenwart der unschuldigenKleinen? Von jener Versunkenheit und Gleichgiltigkeit gegen Gott und Seine heiligeKirche? Und welche Namen verdienen Vater und Mutter, die ihre eigenen Kinder anLeib und Seele verwahrlosen, die da ruhig zusehen oder selbst noch dazu mitwirken,daß sie dem Laster und der Schande sich preisgeben? Siehe, das heißt unglücklich seyn,das heißt schlechte Haushaltung führen: wenn im Hause die Sünde herrscht. NichtArmuth, nicht Krankheit, nicht Gefahr und Noth machen das Unglück einer christlichenFamilie aus, sondern die Gottvergessenheit. Wenn man tausend Sünden begeht, sokümmert man sich darum wenig, wenn aber nur ein kleines Unglück kommt, läßt manden Muth sinken, wird verzagt und des Lebens überdrüssig. Um deßwillen, sprichtder heilige Chrysostomus, ist das gegenwärtige Leben voll der Mühseligkeiten und Be-schwerden, damit auch die roher gearteten Menschen, die sich ganz an das Zeitlichehängen, mürbe werden, des Zeitlichen und Irdische» entleivet, der Liebe zum Himmelnachtrachten und für den Tag des Gerichtes sich vorbereiten. Weil Viele dem Fleischedienen und, von der Tyrannei des Zeitliche» gefesselt, wie Thiere in ihren Höhlenliegen und sich darin behaglich fühlen, so will Gott durch Unglück diese Neigung auSihnen ausreißen und hat ihnen deßhalb viel Mühsal, TrauerSorgen, Kämpfe, Ge-fahren, das ganze Heer der körperlichen Leiden und «sei anderes Ungemach geschickt,auf daß sie, durch diese Wolke von Uebeln erschreckt, in den ruhigen Hafen zu gelan-gen streben und den ewigen Frieden zu gewinnen trachten, wo nicht Gutes uud Bösesvermischt, sondern nur Gutes allein sich findet (B. 12, S. 338).
In der Furcht des Herrn, Geliebte, ist einzig Heil und Seligkeit. Sein Augemerkt sorgend auf die Frommen und Sein Ohr ist ans ihr Flehen geneigt; Sein Zorn-blick aber trifft die Uebelthäter. Kommen auch viele Leiden über die Gereckten, ausallen rettet sie der Herr (Psalm 33. 16—20).
Die Gnade unsers Herrn Jesu Christi sey Mit euch Alle»! Amen (2. Thess. 3, 18).
Gegeben zu Trier, am fünften Sonntage nach dem Feste der Erscheinung deSHerrn 1851.
5 W i l h e l m, Bischof.
Dr. N. Knopp, Geh. Secretär.