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Dazu wird bei solcher Erziehung die ernste Mahnung des Herrn: „Suchet zuerstvaS Reich Gottes und seine Gerechtigkeit" (Match. 6, 33) ganz außer Acht gelassenAlles Sinnen und Trachten des Herzens, alle Wünsche und Sorgen bewegen sich indem niedrigen Kreise der täglichen Bedürfnisse, des Erwerbens und Genießens der ver-gänglichen Güter. Dagegen wird alle Zeit, welche den Angelegenheiten deS ewigenSeelenheils gewidmet wird, für verloren geachtet. Man fürchtet sich, wie der heiligeAugustin sagt, das Zeitliche zu verlieren, und denkt nicht an das ewige Leben, undso verliert man beides. Mit eigener Klugheit und mit eigenem Fleiße will man Allesausrichten, und siehe, es gelingt nicht, es gedeiht nicht, weil Gott nicht dabei ist, weilsein Segen nicht gesucht wird. Vergebens steht man früh auf und legt sich spät niederzur Ruhe und ißt sein Schmerzenbrod, wenn der Herr nicht mitwirkt (Ps. 126, 2).
Gott theilt nach seiner ewigen Weisheit und nach unerforschlichem Rathschlusseseine Gaben auS und Niemand darf mit Ihm rechten und fragen: Warum thust Dualso? Aber von deS Menschen Willen allein hängt cS ab, beides zum Quell desSegens zu machen und sein ewiges Heil zu wirken, sey es im Wohlstand, sey eö inoer Dürftigkeit. Der gottessürchlige Reiche hängt sein Herz nicht an die vergäng-lichen Güter, er betrachtet- sich mir als den Verwalter des himmlischen Hausvaters,der bestellt ist, wohlzuthun und Segen zu spenden, und mit dem trüglichen Reichthum«sich Freunde zu verschaffen, die ihn am Tage, wo er alles Irdische verlassen muß,in die ewigen Hütten aufnehmen.
Ist aber die Gottesfurcht nicht seine Führerin, siehe, so vergißt er die Rechenschaft,die er über die Verwendung seines Vermögens abzulegen hat; er wird übermüthig,setzt sein Vertrauen nicht auf den lebendigen Gott, sondern auf den Mammon, demer dient. Er vergißt des Herrn, seines Gottes, dem er Alles zu verdanken hat, wirdübermüthig und aufgeblasen und begegnet mit Stolz und Härte dem Armen und Niedri-gen. Oder er mißbraucht die Gaben Gottes zu einem schwelgerischen und sündhaftenLeben, zum eigenen Verderben und zum Unglücke vieler Andern. Bezeichnend schildertdiesen Uebermuth der Psalmist, wenn er sagt: „Von menschlichem Ungemach erfahrensie nichts, die irdischen Heimsuchungen kennen sie nicht. Darnm übermannt sie der Stolz,sie sind von Unrecht und Bosheit überdeckt. Wie aus Fett quillt ihre Sünde hervor,sie thun nach ihres Herzens Gelüsten, denken und sprechen Sündhaftes, reden Lästerun-gen von der Höhe herab" (Pf. 72, 4—9). Aber falsch ist diese Ruhe, und scheinbardieses Glück. Denn wie könnte das ein glückliches Leben seyn, wo die Hoffart täglichaufblähet, wo die Wurzel alles Bösen, die Habsucht, in zahllose Sorgen, Ungerechtig-keiten und lieblose Handlungen verwickelt? wo Ueppigkeit und Wollust die Seele ver-weichlichen und ein Feuer entzünden, das hinabbrenut bis in die Tiefe der Hölle?Daher läßt Gott alltäglich in Erfüllung gehen, was an den Uebermüthigen in grauerVorzeit als warnendes Beispiel aufgestellt ist, „Ihre Missethat war: Ucbermuth, Sät-tigung an Brod und Ueberfluß und ihre und ihrer Töchter sorgenlose Ruhe; sie reichtendem Armen und dem Dürftigen nicht die Hand, sondern sie erhoben sich und übtenGräuelthaten vor mir: Darum raffle ich sie hinweg", spricht der Herr (Ezcch. 16, 49. 5V).Und wenn auch nicht überall der Wohlstand deS Gottvergessenen wie Spreu vor demWinde verfliegt, und wenn auch nicht, waö so oft geschieht, ungeralhcne Kinder, inMüßiggang und Weichlichkeit erzogen, denselben als zweischneidiges Schwert zu ihremzeitlichen und ewigen Verderben mißbrauchen; es kommt bald der Tag, da der Herrrichten wird den Armen und den Reichen, den Gerechten und den Gottlosen: Dannwird die Zeit seyn aller Sachen, aller Händel und aller Werke (Predig, 3,17), unddann erscheint das reichste HauS arm unv beklagenswert!), wenn es nicht reich istvor Gott an Werken deS Glaubens und der Liebe..
Betrachten wir nun aher auch einen Armen ohne Gottesfurcht, der nicht gelernt hat,daö Wenige, was Gott gegeben, dankbar aus seiner Hand anzunehmen und weise zubenutzen. Er ist verzagt nnd klcinmüthig und suhlt sich unglücklich in seiner Lage, undeS bcschleicht ihn der Neid über Andere, die seiner Meinung nach es besser haben. „Wielebt doch der und der so glücklich", spricht Mancher, „wie reich und angesehen ist er!"