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Zerwürfnisse, Trennungen und Aergernisse aller Art — Ehen, ohne Gott geschlossen unddarum in jeder Beziehung höchst unglücklich. Aber selbst da, wo solche betrübende Erscheinnungen nicht offenkundig werden, wie trostlos ist es um ein HauS bestellt, wo man denNamen GotteS nicht täglich in kindlicher Ehrfurcht anrnft, wo man aufsteht und schlafengeht ohne Gebet zu dem Herrn des Lebens, wo man ißt und trinkt ohne einen dankbarenAusblick zum Geber aller guten Gaben, oder wo solches zwar geschieht, aber ohne Geistund Leben, ohne Glauben und Liebe, ohne tiefes Gefühl des eigenen Elends und dergänzlichen Hilflosigkeit: wo Alles bloß Sache der Gewohnheit und Gedankenlosigkeit ist?
Das ist denn auch der Grund, weßhalb es in manchem Hause mit der Erziehungder Kinder nicht glücken will, und weßhalb trotz der sorgfältigsten Leistungen der Schule,trotz des vielen Lernens und Unterrichtens das Ergebniß oft so kläglich ausfällt. Eömangeln die drei wesentlichen Bedingungen zur wahren Erziehung: das Beispiel derGottesfurcht, die Lehre der Gottesfurcht, die Uebung der Gottesfurcht.
Wie werdet ihr die Kinder mit Erfolg zur Tugend und Religiosität heranbildenkönnen, wenn ihr selber ihnen darin nicht vorleuchtet, wenn euer Wandel nicht, kräf-tiger als alle Worte, ihnen die Liebe GotteS , den Gehorsam gegen sein heiliges Gesetzprediget und Abscheu gegen die Sünde einflößet? Wie wird das Evangelium Jesu Christi ,diese Gotleskraft zur Heiligung und Bcseligung Aller, die daran glauben, Wurzelschlagen und Frucht bringen, wenn eS nicht frühe in das unverdorbene und empfäng-liche Herz des Kindcö gepflanzt und sorglich gepflegt wird? Wie wird daS Wort desLebenö, wie cS die Kirche verkündet, die Seele der Erziehung bilden können, wenneS im Hause nicht wicdcrklingt, wenn gar im Hause das gerade Gegentheil gelehrtund gethan wird, wenn die Bücher, welche die häusliche Lesung darbieten, die Gespräche,welche ihr führet, so wie der tägliche Umgang Zweifel, Unglauben und Unsittlichkeitbegünstigen? Wenn Niemand im Hause darüber wachet, daß die Kinder und Dienst-boten gewissenhaft dem christlichen Unterricht beiwohnen?
Religion und Gottesfurcht sind nicht Worte und Begriffe für den kalten Verstandallein, sondern sie sinv vor Allem Sache des Herzens, des Lebens. „Der Gerechtelebt auS dem Glauben" (Habak. Z, 4). Wie sollte aber daS ein Leben auS demGlauben seyn, wenn nicht alle Glieder der Familie ihren Glauben öffentlich, wie imstillen häuslichen Kreise bekennen, wenn nicht gemeinsames Gebet und Hausandachten,nicht der öftere Empfang der hl. Sacramente und Befolgung der Gebote Gottes undder Kirche den Beweis liefern, daß man Gott über Alles verehrt uud liebt? Da magviel vorgepredigt, viel gewarnt und Alles gethan werden, um den Kindern eine ange-messene Erziehung zu gebe», um sie in der Welt emporzubringen; da mag man allemöglichen Kenntnisse ihnen beibringen, nur nicht die Erkenntniß der ewigen Wahrheit,nicht die Erkenntniß ihrer selbst; Fertigkeiten aller Art in Kunst und Gewerbe, aberkeine Fertigkeit, keine Uebung in Dem, was gottgefällig macht, was der Seele Frie-den bringt, was die Macht der Leidenschaften zügelt und das jugendliche Alter vorUnordnung und Sünde schützt. Wohl wachen da der Wächter viele, aber umsonst,wenn das Auge dessen, der Israel hütet, nicht die Jugend bewacht, wenn das heiligeGesetz des Herrn nicht die Leuchte ist auf dem dunkeln gefahrvollen Wege durch dasLeben. Ach, wie viel reichbegabte und edle Seelen sind eben deßhalb, weil die Gottes-furcht ihnen nicht als das Erste und Höchste nahe gelegt wurde, so frühe schon aufAbwege gerathen, sind um die Ruhe dcS Gewissens gekommen und haben am Glau-ben Schiffbrnch gelitten!
Allerdings hören wir viel Rühmens von der Höhe der Bildung, auf welcher wirstehen, wir prunken mit dem Scheine von Aufklärung und Anstand, aber hinter dieserglänzenden Außenseite gewahrt das scharfblickende Auge oft eine trostlose Oede, grausen-hafle Verwilderung und Verwesung im Innern — junge Leute beiderlei Geschlechtsvoller Anmaßung uud Dreistigkeit in der Gesellschaft, kein Gebot achtend, keine Regelkennend, als ihren Eigensinn und ihre verkehrte Lust, früh vertraut mit Dingen, vondenen ihr Alter noch nichts wissen sollte, frech sich rühmend ihres Trotzes und ihrerUngebundenheit: Das ist die Frucht einer Erziehung ohne Religion und Gottesfurcht.