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Besonders erhebend war die Kirchenfeier am Donnerstag, wo unter dem Hoch-amte daS heilige Abendmahl ausgespendet ward. Nach der Communion der zahlreichanwesenden Geistlichkeit gingen dem weltlichen Stande die ehrenwerthen Herren Kon-suln von Oesterreich und Frankreich mit dem Beispiele der Frömmigkeit vor, währendsie mit aller Würde zu dem Tische deS Herrn JesuS schritten, und aus deS Pontifi-canten Händen das göttliche Ostermahl empfingen. Sodann folgten die Fremden,worunter mehrere vom hohen Range, paarweise, endlich unsere Eingebornen, über400 an der Zahl. Der Pascha sah mit seiner Suite dieser heiligen Administrirungvon der Galerie der Rotunde aufmerksam und gesammelt zu. Nachdem das Aller-heiligste in daö heilige Grab getragen worden, schloß man die Thore der Basilika,um sie nur nach 24 Stunden wieder aufzuschließen; und dieß zwar kraft eines zuunsern Gunsten und für jene Jahre erlassenen Firmans, in welchen die Osterfeier derabendländischen Kirche mit jener der Morgenländer zusammentrifft. Eine bedeutendeAnzahl Pilger, worunter mehrere Magnaten und hochgestellte Geistlichen, blieb mituns eingeschlossen, wo eines jeden Aufgabe war, den Rest dieses heiligen TageS iminbrünstigen Gebete vor dem heiligsten unter allen Gräbern der Welt in tiefer Gei,steSsammlung zu begehen. Ergriffen fühlte ich, wie angesehene, an die Bequemlich-keiten deS Lebens gewöhnte Personen sich mit den Beschränkungen und Entbehrungenzufrieden zeigten, die in unserm armseligen Grabkloster jedem auffallen. In der That,sobald man selbes nur betritt, so muß man auf jeden Gedanken von Bequemlichkeitverzichten. Wie dieser, in der Vergangenheit noch schlimmer beschaffene Kerker durchmehrere Jahrhunderte der Wohnort unserer Grabwächtcr gewesen, so ist noch bis zurStunde keine Aussicht auf einen möglichen Umbau desselben vorhanden, weil eS dieSituation nicht zuläßt.
Am Charfreitage ließen wir um j Uhr Morgens die Thore öffnen, um mit demVolke die gewöhnliche Procession zu den heiligen Stätten zu führen, die in folgenderOrdnung vor sich ging. Ein zahlreicher Knabenchor, die Hymne: „Swdat, Nster"singend, öffnete den Zug. Der hochwürdige CanonicuS des Metropolitancapitels zuTours in Frankreich , Herr I.e6ue, erbat sich nicht nur den Dienst des Kreuzvorträ-gerS, sondern er trug selber auch barfuß (schöner Act der christlichen Demuth!) derProcession voran. Unmittelbar folgte die Regulargeistlichkeit, 15 Weltpriester auSverschiedenen Ländern, 2 ernannte Bischöfe von armenischem Ritus, sämmtlich inChorröcken und mit Windlichtern, dann die sieben Prediger, vorbereitet zu Vorträgenin verschiedenen Sprachen auf den verschiedenen Haltpuncten deS Zuges, und zwarin italienischer, französischer, spanischer, englischer, deutscher,*) arabischer und griechi-scher Sprache; 4 Diaconen, ein Sängerchor von Geistlichen; der P. Reverendissimusmit seinen Assistenten, endlich die vielen Honoratioren von den Weltlichen. Zur Auf-rechthaltung der Ordnung hatte der Pascha Soldaten auf dem Calvarienberge hieund dort aufgestellt. Wer sollte es glauben! Der Muselmann beschützt die in frühernJahren von den Nichtkatholiken oft gräulich gestörte Ruhe in dem heiligsten und daherauch in dem für den Katholicismus interessantesten Tempel der Erde.
Die solchergestalt geordnete Procession bog inmitten einer Menge von Katholiken,Türken, Schismalikern, Protestanten, und selbst Juden, von der Erscheinungskirchenach den in den früheren Briefen bezeichneten heiligen Stätten. Sie war ernst undruhig. ES war ein Vergnügen dießmal zu sehen, wie sich alle beim Zeichen desAnfanges von selbst derart ordneten, daß sie bei unserm Vorübergehen Spalier bilde-ten, und wo wir stehen blieben, einen Kreis um unS schloßen, jederzeit still undbetroffen, bis sie Etwas zu sehen oder von dem Gesagten zu verstehen bekamen. Daauf dem Kalvarienberge die französische Predigt statt hatte, sah man, wie der Pascha,der das Französische geläufig spricht, den Redner fest ins Auge fassend aufmerksam