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vertheidige, der je aufgetreten ist; oder bin ich nicht vielmehr ein schlafender Wächter,wenn ich schweige? Man sagt Euch, auf Glaubenssätze, auf die Dogmen der Kirchekomme eS nicht an. Was sind denn die Glaubenssätze, die Dogmen der Kirche?Eine Anzahl Wahrheiten, von denen wir behaupten, daß Gott selbst sie den Men-schen geosfcnbaret hat; Wahrheiten über die letzten Gründe aller Dinge, über dieBestimmung des Menschen, über die Mittel deS Heiles, über Tod und Ewigkeit.Und auf solche Wahrheiten soll es nicht mehr ankommen? Ehre, Geld, Haus undHof darf man beschützen und vertheidigen, daS ist nicht intolerant; ewige Wahrheitenaber vertheidigen, soll intolerant seyn? WaS ist denn mehr werth, das Geld oder dieWahrheit? Es soll intolerant seyn, wenn die von Gott bestellten Wächter deS Glau-bens, die Oberen der Kirche die Wahrheiten über daS Verhältniß zwischen Gott undden Menschen schirmen und hüten — und was thun dieselben Menschen, die sich selbstzu Hütern deS Unglaubens gemacht haben? Sind sie auch so tolerant in Bezug aufandere Grundsätze? Ohne Zweifel sind politische Ansichten nicht von so hoher Bedeu-tung, wie die religiösen Wahrheiten. Diese lehren das Verhältniß zwischen Gott und dem Menschen, dem Menschen und der Ewigkeit; jene, die politischen, das Rechts-verhältniß der Menschen zum Staate; diese greifen in das innerste Leben der Seeleund der Familie, jene nur in die äußern Beziehungen zum Nebenmenschen ein. Mansollte also glauben, daß Menschen, die keine Glaubenssätze mehr vertheidigt habenwollen, auch keine politische Streitfragen mehr erheben würden. Sie sagen: es istintolerant, GlaubenSwahrheiten zu vertheidigen, intolerant, die Ansicht Andersgläu-biger zu verwerfen, Glaubenssätze stiften Unfrieden, und es kommt nur darauf an,daß wir unS Alle lieben; man sollte also glauben, daß sie folgerecht sagen würden:es ist intolerant, politische Systeme zu vertheidigen, intolerant, die Anhänger andererpolitischen Systeme zu bekämpfen; politische Systeme stiften Unfrieden, und eS kommtnur darauf an, daß wir uns einander lieben. Sie sagen: es ist intolerant, darüberzu streiten, ob Christus der Sohn Gottes ist, ob es eine Ewigkeit, eine Strafe deSBösen, eine Hölle, einen Himmel gibt, davon soll man nicht sprechen, deßhalb Nie-manden beunruhigen, das könnte Streit veranlassen, und daS sind doch Wahrheitenvon unendlichem Belange; — man sollte also glauben, sie würden folgerichtig sagen:es ist intolerant, darüber zu Kreiten, ob eine oder zwei Kammern bestehen, ob manmit 20 oder 2l Jahren wahlfähig werde u. s. w. So, sollte man glauben, würdensie denken. Aber da kommt die unermeßliche Jnconsequenz oder Heuchelei zu Tage.Während man sich nicht schämt, die Kirche zu schmähen, weil sie ihr Dogma mitheiliger Sorge bewacht, den Unglauben aber verabscheut, während man im Namender Liebe unS auffordert, geduldig zuzusehen, wenn man uns die höchsten Güter, denGlauben, von dem wir bekennen, daß eS ohne ihn unmöglich ist, Gott zu gefallen,zu entreißen strebt, und zugleich einen Spott, Haß und Hohn auf Kirche, Priesterund Glauben ergießt, wie die Seelen deS heidnischen Spötters Lucian und des Apo-staten Julian dessen nicht sähig waren, hielt man eS nicht wider die Liebe, politischeDogmen zu schmieden, sie als unfehlbare Glaubenssätze aufzustellen, ihretwegen alleAndersdenkenden mit Erbitterung zu verfolgen. Gegen die Wahrheiten, die vonGott kommen, sollen wir gleichgiltig seyn, ihre Meinungen aber sollen mir ver-göttern. Ich verwerfe jeden JndifferentismuS. Der Geist des Menschen ist fürdie Wahrheit bestimmt, und er darf diese Bestimmung nicht durch indifferentesVerhalten gegen irgend welche Wahrheit verläugnen. Ich verkenne deßhalb auch nichtden Werth politischer Kämpfe und halte sie für gut, wenn sie anders mit sittlicherlaubten Mitteln geführt werden. ES ist aber eine unselige Geistesverirrung odereine schmachvolle Heuchelei, wenn jene im Namen der Liebe in göttlichen Dingen denJndifferentismuS predigen, die sich nicht scheuen, um politischer Meinungen willen dieWelt in Flammen zu setzen.
Oder ist es GlaubenSzwang, wenn ich als von Gott bestellter Bischof EurerSeelen erkläre, daß jene nicht mehr der Kirche angehören, die dem Glauben derKirche entsagt haben? So will man es gerne darstellen, aber wie unwahr ist auch