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Eh in gen, 4. Mai. Es ist wirklich bewunderungswürdig, mit welchem Eiferund mit welcher Hingebung die hochwürdigen Herren Missionäre daS Werk ihrerSendung begannen, fortsetzten und zu Ende brachten. Von Morgens 5 Uhr bisAbends 8 Uhr, mit Ausnahme einer einzigen halben Stunde zur Essenszeit, sind sieununterbrochen beschäftigt entweder mit Predigten oder mit Beichthören. Ihre äußerstgeistvollen Vorträge unterstützen sich gegenseitig durch eine sehr ineinandergreifende,Schlag auf Schlag wirkende, zweckmäßige Reihenfolge, welche sowohl sämmtlicheGrundlehren des Christenthums umfassen, als auch die ganze Sitten- und Pflichten-lehre in sich aufnehmen. Die Beweise für die von ihnen aufgestellten Lehren undGrundsätze, hergenommen aus der heiligen Schrift, aus der Geschichte, auS der Natur,auS der Vernunft, gewürzt und durchflochten mit den anmuthigsten Bildern, Para-beln, Gleichnissen und Erzählungen, vorgetragen in einer fließenden, kräftigen, abge-rundeten Sprache, begleitet mit einer :u jedem Ausdrucke passenden Gebärde und demgeeigneten Tone der Stimme, diese Beweise sind so treffend und gründlich, daß derGelehrte ihnen nicht widersprechen könnte, der Gebildete sich ganz befriedigt findet,der sogenannte Halbgelehrte oder Aufgeklärte sich geschlagen und gefangen fühlt, dergewöhnliche Bürgers-, Handwerks- und Bauersmann hinreichend überzeugt wird, jadaß selbst Kinder und von Natur auS dürftig begabte Menschen gar sehr angezogenund belehrt werden. Wer einmal angefangen hat, die Missionsvorträge anzuhören,fühlt sich davon so sehr eingenommen, daß er höchst ungerne einen einzigen Vortragversäumt, wozu man nur durch Geschäfte oder andere driugeude Verhältnisse sichbewegen läßt. Wenn Morgens früh von halb 6 Uhr bis 6 Uhr der junge PaterSmeting eine Betrachtung z. B. über den Paulus vor, während und nach seinerBekehrung, in sanftem und gemüthlichem Vortrage gehalten; wenn sodann P. Rodervon 9 bis 10 Uhr über daS Thema: „Was sind wir, daß Jesus im heiligen Altars-sacrament zu uns kommen will, was ist JesuS, der zu unS kommen will, und wasist die Absicht, in der er zu uns kommen will," in meisterhafter Rede entwickelt; wennserner P. Schlosser von 2 bis 3 Uhr die Standespflichten z. B. der Eltern inmarkiger Kraftsprache und schlagender Gedankenfolge abgehandelt und seinen ZuhörernanS Herz gelegt hat; wenn endlich AbendS von 6 bis 7 Uhr P. Roder oder P.Schlosser durch eine ergreifende Rede über das letzte Gericht, über die Hölle, dieBuße, die Barmherzigkeit Gottes ic. die Gemüther erfaßt und hingerissen hat: sobefindet man sich auf den künftigen Tag in einer um so größcrn Spannung und Er-wartung, mit je mehr Befriedigung und Ueberzeugung man die Kirche Tags zuvorverlassen hat. Den höchsten Grad der Begeisterung erregte eineö Abends eine Rede,ja ein Meisterstück der Beredtsamkeit deS P. Rober, welche über das Thema: „Liebeteinander und verzeihet einander," zum Zwecke deS Versöhnungsfestes gehalten wurde,während welcher ein in Hellem Lichtglanze strahlendes Kreuz aufgestellt und daS Aller-heiligste ausgesetzt war. Der Eindruck dieser Rede war so rührend, so mächtig, soallgemein ergreifend, daß kein Auge der Tausende von Zuhörern thränenleer blieb,daß Seufzen und Schluchzen von allen Seiten vernommen, ja baß lautes Weinengehört wurde. Keine Feder ist im Stande, daS Erhebende, daS Ergreifende dieserStunde zu schildern; ich hätte nie geglaubt, daß es einem Redner möglich wäre,einen so großen, allgemeinen Eindruck hervorzubringen. Daß aber auch die Theil-nahme an der Mission von Seiten der Gläubigen eine allgemeine war, geht daraushervor, daß die sehr geräumige Kirche von Morgens 5 Uhr bis Abends 8 Uhr immerzum Erdrücken voll war, daß ferner schon mehrere Vorträge im Freien gehalten wer-den mußten und noch mehrere daselbst gehalten worden wären, wenn eS nicht dieUnbeständigkeit der Witterung verhindert hätte. Rege Theilnahme bewiesen insbeson-dere die geistlichen Herren aus der Nähe und Ferne, deren Anzahl durchschnittlichsich zwischen 40 bis 50 herausstellte, und welche daS Werk der Mission durch eifrigesBeichthören, nicht nur in der Pfarrkirche, sondern auch in den beiden andern Stadt-