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entfernten polnischen Bauernfcimilien in kirchlicher Mission behufS einer religiösenBelehrung zu besuchen, nächstens auch in mein Territorium einkehren und daselbst seineMissionsarbeit beginnen werde. Eine solche außergewöhnliche Erscheinung, die meinesWissens hier früher nie stattgefunden, mußte, eben wegen der Seltenheit, verschiedeneGedanken erwecken, wovon der glimpflichste in dem Träger einen blinden Fanatikerdarstellte. Die Anstalten zu seinem Empfange waren gemacht; ein Hintergedankejedoch, den vielleicht zu weit getriebene Vorsicht eingab, rieth auch für eine gewisseUeberwachung des sonderbaren Gastes zu sorgen. Tage und Wochen vergingen, derMissionär ließ sich nicht sehen, der Glaube, daß er — vielleicht auS Ursachen, welchedaS hier stelS noch wach erhaltene Mißtrauen jeder nicht normalen Erscheinung sobereitwillig substituirte — höhern Orts verhindert, nicht mehr ankommen weide, nahmImmer mehr überHand und schien sich bewahrheiten zu wollen. Da wurde mir einesTageS Jemand gemeldet, der mich zusprechen wünsche. Meine Aufforderung, herein-zutreten, blieb lange erfolglos — ich trat demnach hinaus. An der Eingangsthüredes Vorzimmers stand eine kleine gebückte Gestalt, angethan in ein schwarzes, ziemlichabgetragenes priesterlichcs Gewand. Stellung, Geberde und Aussehen machten michglauben, ein Mitglied vom Orden der barmherzigen Brüder stehe in Angelegenheitenseines Klosterspitals vor mir Erst als wir eingetreten waren, erfuhr ich, daß esder Missionär Gawronski war» Kalt und mit etwas gedämpfter Stimme machte ermich mit dem Zwecke seines Hierseyns bekannt, wies entschieden alle Erfrischungen,die man in Galizien fast jedem angekommenen Gaste zu bieten pflegt, ab, wollteeben so wenig von der für ihn bereit gehaltenen Wohnung Gebrauch macheu, indemer bei einem Bauer schon aufgenommen sey, und entfernte sich eben so anspruchlosund bescheiden, ja demüthig, möchte ich beinahe sagen, aber auch kalt, wie er gekom-men war, und ohne länger, als gerade zu diesen Verhandlungen nöthig gewesen ist,sich aufgehalten zu haben. Dieser erste Eindruck war nicht weniger als günstig; icherfuhr, daß er auf einem gewöhnlichen Bauernwagcn angekommen, sich zu dem erstenbesten Bauer lateinischer Confession habe fahren lassen und sich von diesem einenWinkel in der Scheune und darin ein wenig Stroh zur Lagerstätte ausbat, das ermit einem einfachen Kotzen überdeckte. Außer diesem und einem ganz kleinen Reise-koffer hatte er nichts mehr. Zur Nahrung verlangte er etwas Milch und dasselbeBrod, das im Hause gebacken wird und das wahrlich nur von dem, der von Jugendauf an nichts Besseres gewohnt ist, verzehrt werden kann. Beides aber gegen eineangemessene Entschädigung. Seine erste Frage war nach den Kindern, nach Zeit undOrt, wann und wo sie ohne Abbruch ihrer Beschäftigung getroffen oder um ihn ver-sammelt werden könnten; dann besuchte er die polnischen Familien und blieb lange inihren Hütten, und überall, wo er einkehrte, ließ er Freunde und Freude zurück.Kaum verging ein Tag, als schon im ganzen Dorfe, selbst unter der ruthenischenBevölkerung, die bekanntlich der griechisch-unirten Kirche angehört, sich eine freudigeRegung bemerkbar machte. Jedes sprach mit einer gewissen Weihe von dem neuenGaste, sein Lob quoll von allen Lippen, es war in der That wie ein wohlthätigerZauber, der mit seiner Nähe Alle überkam. Diese Freundlichkeit, die er in denHütten der Armuth entwickelte und die ihm so schnell alle Herzen gewann, pikirte mich,hatte er doch mein herzliches Entgegenkommen kalt und theilnahmSlos erwidert.Sollte dieß, dachte ich bei mir, die Maske seyn, die sich ein unversöhnlicher Demagogumhängt, um das Landvolk bearbeiten zu können? Oder ist's ein lichtscheuer Fana-tiker, der instinctartig eine nähere Berührung mit mir scheut? Ich beschloß, der Sacheauf den Grund zu kommen. Ich lud ihn zur Tafel und beauftragte mit dieser Ein-ladung einen Beamten, dem ich an'S Herz legte, sich auf keinen Fall abweisen zulassen. Der Missionär kam; sein dießmaligeS Erscheinen war von seinem ersten inNichts verschieden, nur sprach er mehr, auch nahm er den ihm an der Tafel ange-wiesenen Ehrensitz ohne Anstand an, aber er berührte die Speisen nicht. Er fasteheute, war seine Augrede, doch sey er gekommen, weil er mir nicht gerne etwasabschlagen wollte, oder eigentlich weil ich eS gewünscht. Sein Gespräch verrieth