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einen Weltmann, der die Falten des menschlichen Herzens und den Tang des Lebenskennt, seine Ansichten waren praktisch; Altem, was er vorbrachte, lag eine tiefeKenntniß und richtige Würdigung der menschlichen Dinge und der jetzigen Weltver--hältiiisse zu Grunde — aber all' mein Bestreben, ihn einzunehmen, war erfolglos,er blieb kalt und zurückhaltend, nahm jedoch mein wiederholtes Anerbieten, bei unszu wohnen und an meinem Tische wenigstens zu — sitzen, an; in der Folge erfuhrich, daß er dieß Opfer meinen Kindern brachie; denn seine Bemühungen waren vor-züglich der Jugend zugewandt, mit der er sich auch beinahe ausschließlich beschäftigte.Er versammelte die Dorfkinder nach vollbrachter TageSardcit, also AbentS, um sich,und eS war in der That ein erhebender Anblick, wie diese Kinder, die TagcSmühenvergessend, die halben Nächte hindurch begierig seinen Lehren lauschten, und wie seinWort lebendig in ihnen war. Er pflegte in jedem Orte eines der geschicktesten aus-zusuchen und lehrte eS lesen, waS ihm auch immer im Verlaufe von einigen Wochengelang. Dieser Knabe wurde dann in der von ihm organisirten Schule der Leh-rer, dem er die Fürsorge über seine Pflanzung überließ, wenn er weiter zog,denn nie blieb er über einige Wocben an einem Orte. Er »heilte unter daSLandvolk von ihm verfaßte leichtfaßliche Lehrbücher und eine Art Kalender aus.Der Lehrmeisterknabe hatte die Mission, nicht nnr mit der andern Jugend an Sonn«und Feiertagen die empsangenen Lchren zu wiederholen und ihnen zum Lesen der erhal-tenen Katechismen anleitend behilflich zu seyn, er sollte auch den Familien selbst denInhalt der Bücher erklären und über alle Fortschritte und Rückgänge genaue Registerführen, um sie bei der Wiederkehr des Missionärs vorweisen zu können. In denGebirgsgegenden, wo die Dorfhütten nicht wie in der Ebene in einem Kranze bei-sammen, sondern vereinzelt weit weg von einander stehen, wo also eine solche Ver-einigung der Kinder am Abende nicht leicht möglich ist, dort sucht sie der Missionärauf den Triften der Berge, wo sie das Vieh weiden, auf und bringt ganze Tage,ihre Beschäftigung theilend und sie dort belehrend, mit ihnen zu.
Die große Wichtigkeit seiner Mission wird aber erst begriffen, wenn man dieZustände der lateinischen Christen in dem ruthenischen Theile Galiziens kennt. Außerin den Städten und in einigen Ortschaften ist hier die polnische Bevölkerung auf denDörfern sehr sparsam zwischen den Nuchenen zerstreut, daher eS kommt, daß ein pol-nischer Pfarrbezirk sehr weit und breit ausgedehnt ist, zu dem auS manchem Dorfenur drei oder vier Familien gehören, die zumal, wenn sie weit abliegen, von ihrenSeelsorgern kaum erreicht und nothwendiger Weise vernachlässigt werden; als Polen gehen sie zwar in die ruthenischen Kirchen, aber nicht in den ruthenischen Religions-unterricht und verwildern, sich und ihrem Jnstincte überlassen. Besonders ist dieß imGebirge der Fall, wo eS nicht selten vorkommt, daß nicht nur die Gebete, sondernselbst die Religionsbegriffe nicht bekannt sind, und sich die Menschen im rohen Natur-zustande befinden. Die lateinische Pfarrgeistlichleit hat weder Zeit noch Beruf, ihrePfarrfinder auf diesen entlegenen Orten aufzusuchen und im Glauben zu erziehen; dieruthenische jener Orte aber fühlt gegen diese keine Verpflichtungen und ist mit eigenenAngelegenheiten und ihrem Wirthschaflsbctriebe zu sehr in Anspruch genommen, umselbst ihren Berufspflichten gegen die eigenen Pfarrkinder gehörig nachzukom-men, waS auch bei der ungemeincn Entfernung der Dorfwvhnungen von einander inder That äußerst schwierig ist. Es herrscht auch tief in den Karpathen entsetzlicherAberglaube. Haben sich doch selbst in abgelegenen Thalgegenden noch bis tief in die30ger Jahre die Herenprobe erhalten, die darin bestand, daß man die dessen ver-dächtigten weiblichen Personen inS Wasser t nichen ließ u. dgl. m., waS selbst inmeiner unmittelbaren Nachbarschaft, eine Meile von der Kreisstadt entfernt, sich zutrug.
Ein wahrer Apostel zieht nun der Missionär durch diese Gebirge mit dem Anfangdes Frühlings, um in den rohen menschlichen Gestalten das Wort GotteS , daS Lichtder Aufklärung zu erwecken und sie zu Menschen zu machen; mit der Annäherung deSHerbstes, der viel früher in den Gebirgen beginnt, steigt er in die Ebenen niederund sucht die von ihren Pfarren entferntesten Orte und darin die verwahrlosesten