Ausgabe 
11 (25.5.1851) 21
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161
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Eilfter Jahrgang.

Sonntags-Beiblatt

zur

Augsburger Pojheitung.

25. Mai ^ 21. 1851.

Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige AbonnementspreisT<t kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann.

Die Bauhütten des Mittelalters.

Von A. Reichensperger .

Das Wiedererwachen des Interesses für die mittelalterlichen Baudenkmale hatdie Frage nahe gelegt, in welcher Art dieselben ihre Entstehung gefunden haben.Es drängte sich diese Frage um so unabweisbarer auf, je klarer die Unzulänglichkeitder heutigen Mittel in die Augen springt, um Kunstschöpfungen ins Leben zu rufen,die in Bezug auf Zahl, Umfang, Colossalität, technische Vollendung und Reichthumder Ausstattung mit denen des Mittelalters einen Vergleich aushalten könnten.In der That gränzt es ans Fabelhafte, was vom 12ten Jahrhunderte an bis zumlöten in dem Bereiche der christlichen Civilisation gebaut, gemeißelt, gemalt wordenist. Noch immer steht, wie sehr auch die späteren Geschlechter darin gewüthet, einWald von Kathedralen aufrecht, an deren bloßer Erhaltung die Gegenwart ver-zagt. Nehmen wir noch die sonstigen Kirchengebäude dazu, die Klöster, die Palästeder Fürsten und Stadtgemeinden, so wie die Befestigungsbauten aller Art, underwägt man, wie vollendet und künstlerisch durchgebildet ein jeder solcher Bau inseiner Weise erscheint, bis herab zu den schlichtesten Wohnungen, erwägt manendlich noch, daß seither in Betreff der mechanischen Hilfsmittel ungeheure Fort-schritte gemacht worden sind, so leuchtet ein, daß vormals Hebel ganz besonderer Artthätig gewesen seyn müssen Ein Haupthebel dieser Gattung ist zweifelsohne in denBauhütten des Mittelalters zu suchen, über deren Grundzüge folgende Andeutungenhier Platz greifen mögen.

Bis gegen das Ende des 12ten Jahrhunderts war das Kirchenbauwesen fastausschließlich auf die Mönchsklöster beschränkt, in welchen die auS der Römerzeit geretteten Kenntnisse und Traditionen eine Zufluchtsstätte gefunden hatten. Auch daSzweite Rom, Konstantinopel, blieb, namentlich für das Ornamentale, nicht ohneEinfluß im Abendlande, zu welchem ihm Ravenna und später Venedig als Brückedienten. Die Klöster zu St. Gallen, Hirsau, Corvey, Fulda, Paderborn, Hersfeld ,Reichenau, Osnabrück, Hildesheim u. f. w., denen viele andere außerhalb Deutsch-lands im Geiste des christlichen Weltbürgertums die Hand reichten, hatten förmlicheBauschulen, worin Laien als Gehilfen herangebildet wurden. Die Aebte Wilhelm derHeilige von Hirsau im Schwarzwald und Gebhard von Petershausen bei Konstanz ragen in Deutschland als Gründer und Leiter solcher Schulen hervor, welche nichtbloß die klösterlichen, sondern auch viele andere Bauten, namentlich Pfarrkirchen , ingroßer Zahl errichteten. Allen voran stand der Orden der Benedictiner. MehrereJahrhunderte hindurch waren die Abteien von St. Gallen für Deutschland , Monte-Cassino für Italien und Clugny für Frankreich die Stammsitze der christlichen Bau-kunst, welche sich bereits im 12ten Jahrhundert so üppig entfaltet hatte, daß der