16L
heilige Bernard gegen den übertriebenen LuruS eifern, und der heilige Robert demprachtliebenden Clugny daö ascetische Cisterz entgegensetzen zu müssen glaubten.
Durch die um daS 12te Jahrhundert beginnenden großen Kathedralen-Bautenerhielten die Bischöfe einen immer überwiegendern Einfluß auf das Kirchenbauwesen,welches dem zufolge mehr und mehr aus den Klöstern in die Städte, und damit indie Hände der Laien überging. So entwickelte sich denn hier zugleich mit den übri-gen städtischen Gewerken jene großartige Corporation, die auf dem Kunstgebiete eineArt Universal-Herrschaft ausübte. — Ueber das Wesen und die Organisation derBauhütten, welche diese Corporation bildeten, insbesondere über deren Kenntnisseund Lehren, ist viel hin und her gestritten worden, ohne daß die Fragen zum Abschlußgekommen wären! — Es besteht eine nüchterne, den Höhen wie den Tiefen abge-wendete Anschauungsweise, welcher diese Bauhütten weiter nichts sind, als „gewöhn-liche Stätten zünftigen BeisammenseynS, m denen nur eine etwas strengere Ordnunggehandhabt wurde." Auf der andern Seite hat die phantastische Ueberspanntheit,welche vorzugsweise in der Richtung eines Zweiges des Freimaurer -Ordens (der soge-nannten speculativen Maurerei) Nahrung gefunden, diese Hütten zu Depositaren vonGott weiß was für, aus der Urzeit durch Noah, HermeS, Nimrod , Salomo, Hiramu. A. m. herübergeretteten Weltgeheimnissen zu stempeln gesucht. — In der Wirklich-keit aber war die mittelalterliche Bauhütte eben so wenig ein Inbegriff von AlltagS-gesellen heutigen Schlages, als von tiefsinnigen Adepten, die nach dem Stein derWeisen suchten, oder ihn gar bereits gefunden zu haben glaubten. Wenn einerunserer namhaftesten Kunstschriftsteller, Franz Kugler , jüngst noch in seiner Beur-theilung deS vierten Bandes der Schnaase'schen Kunstgeschichte sich dahin ausgesprochenhat, daß, abgesehen von einigen polizeilichen Anordnungen, das Wesen der Hütten-geheimnisse lediglich in Dingen bestanden habe, die einer noch sehr unbeholfenenGeometrie eben nur eine leichtere praktische Handhabe gegeben, und ihre Grundzahlen,Grundfiguren u. dgl. m. theils ganz bedeutungslos, theils nur äußerliche Schematafür den Handwerker gewesen, am allerwenigsten aber ein Schlüssel sür das, was nurdurch den Geist erschlossen werden könne, — so ist hiergegen anzuführen, daß geradedie geistige Einheitlichkeit, bei aller äußerlichen Verschiedenheit, in den Hervor-bringungen dieser Hütten den sichersten Beweis dafür liefert, daß ihr Wesen, wieihre Organisation unendlich tiefer gründeten, als in einigen PolizeireglemeniS undtrivialen Handwerksgriffen und Bräuchen. Den Baum beurtheilt man, auch in Sachender Kunst, am zuverlässigsten nach seinen Früchten. Auch vielen Meistern der Gegen-wart fehlt eS wahrlich nicht an Geist; in der Geometrie und Mechanik aber habenwir Riesenfortschritte gemacht, wie überhaupt fast in dem gesammten materiellenTheile der Kunstübung; und dennoch bietet das ganze Gebiet der Architektur, ja, derbildenden Künste überhaupt, unläugbar das Bild vorher kaum jemals dagewesenerZerfahrenheit und Charakterlosigkeit dar, in stylistischer wie in technischer Beziehung. **)Es ist schon mehrfach bemerkt worden, daß diese unerfreuliche Erscheinung wohl vor-zugsweise in dem Mangel einer Einrichtung ihren Grund habe, welche, die Theoriemit der Ausübung verknüpfend, daS Wissen und vie Erfahrung sammle und läutere,so wie die Ueberlieferungen perpetuire, wodurch endlich einem Jeden seine Stelle ange-wiesen und mittels moralischer und physischer Disciplin den Kräften daö Maaß unddie Richtung vorgezeichnet sey.
Eine derartige Einrichtung finden wir aber in den Bauhütten deS Mittelalters.Ein Blick in dieselben gewährt uns den zuverlässigsten Ausschluß über daS Zustande«kommen jener unvergleichlichen Werke, welche wie Wunderbäume durch Jahrhundertewachsend, bei allem Reichthums und aller Mannigfaltigkeit der Bildungen stets einemund demselben Gesetze gehorchen.
-) S, „Deutsches Kunstblatt" Nr. 4Z.
") Eine nähere Begründung des obigen VorwurfeS, mittels einer in« Einzelne gehendenParallele zwischen der heutigen und der mittelalterlichen Baukunst, enthält meine Schrift: ,,Dl« christ-lich-germanische Baukunst und ihr Verhältniß zur Gegenwart. Trier , 1S4S", S. 13 bis 37.