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Wer hat dieß gethan? wer konnte von sich sagen: »siehe, ich mache Allesneu?" ES ist der Geist deS Christenthums, wie er sich in jenen einfachen Männernausgesprochen hat, welche dem Missionsbcrufe obgelegen sind. Diese bittere Ironieauf die Zeitgeschichte wahrlich lag nicht in ihrer Absicht; aber vollzogen haben sie indiesem Sinne ihre Aufgabe als begnadigte Werkzeuge eine höhern Geistes. ES warzunächst pure Neugierde, was vielleicht Tausende von denen, die mit Gott und Weltzerfallen waren, an die Orte göttlichen Wirkens hingezogen hatte, und ich darf ohnesanguinische Hoffnungen sagen, daß eben so viele auf dem heiligen Boden, auf densie traten, zu dem geheiligten Umkreis, der sie umfing, nicht etwa nur die Schuhe,die sie in gemeinem Treiben brcit getreten, auggezogen mit all den äußern Zeichender Gemeinheit und Brutalilät — sondern auch ihre Gesinnungen ausgezogen habenund einsehen lernten, daß es etwas Höheres gibt als wilde Freiheit — etwas Höhe-res, nämlich die sittliche Freiheit, welche im christlichen Glauben und in derchristlichen Frömmigkeit ruht, die unS erst mitten in der Welt srci macht von derWelt. Glauben Sie mir, ich kenne Männer, welche von der Religion den Kernlängst, aber seit den Märzlagen auch die Schaale weggeworfen haben — letzterebekanntlich weiß man unter Umständen immer noch etwas länger sich zu bewahren, —und stehe, sie fühlten sich angehaucht von einem höhern Geiste; sie ließen sich die Mühenicht verdrießen, täglich einem Nortrag, und wo möglich allen anzuwohnen. Vergleichtman diese Erscheinung mit den Ereignissen der nächst vorangegangenen Jahre, so mußman sagen, der zweite Psalm ist wie auf sie verfaßt: „Warum toben die Völker,beginnt er, und warum sinnen sie unrecht wider Gott und seinen Gesalbten? Duaber, Jehova, der du im Himmel ihronest, blickst hernieder und lächelst. Du spottestüber die Thorheiten der Menschen."
In diesem Sinne, sage ich, war die Mission eine Ironie aus die Zeitgeschichte.Glauben Sie doch ja nicht, mein Frcunv, daß ich mir ein unbefangenes Urtheil nichtbewahrt habe, daß ich ein solches über die in Frage stehende Erscheinung, wenigstensfür den Augenblick, nicht abzugeben vermöge, da ich, wie Sie aus Obigem vermu-then dürften, noch ganz dem mächtigen Eindruck derselben hingegeben sey.
Ja, ich wiederhole es, glauben Sie ja nicht, daß ich die Rettung der Zeitvon den Wirkungen der Mission allein, oder vorzugsweise auf die Massen erwarte;zumal bei ihrer bisher noch vereinzelten Erscheinung, und ihrem, wenn ich so sagendarf, sporadischen Auftreten. Abgesehen davon, daß das Volk erzogen seyn will,und dieses nicht das Werk deS Augenblicks ist, auch nicht mit den mächtigsten Ein-drücken, die er unS zuführen mag; abgesehen also davon, daß die Bolkserziehungvon einem System getragen werden muß, in welchem die Mission nur ein erregen-des Moment seyn kann, so muß sich leider heutzutage Jeder selbst gestehen, daß daSVolk von Einflüssen umgeben ist, welche die mächtigste geistige Erregung bald neu-tralisiren. ES ist daö zeitliche Interesse, welchem der Mensch natürlicher Weise amzugänglichsten ist, was durch die Macht politischer Aufregung und für dieselbe amschwunghaftesten auf das Volk wirkt. Dahin stehen seine Gedanken, weil die Erzie-hung bisher Alles gethan hat, um ihm die Erde als seine Heimath, und sein einzigesZiel zu zeigen. Die locale Geistlichkeit kann diesem Gedanken gegenüber nur leiseund umsichtig auftreten, weil der Unstern der Zeit sie gerade mit diesen Fragen ver-wickelt hat. Doch Sie sehen, schon !u dieser Richtung zeigt sich eines der segens-reichsten Momente der Mission; denn die Missionäre erscheinen dem Volk vornwegals Männer, die über und außer jeglichem zeitlichen Interesse stehen. Wie sehr siedem bösen Dämon unserer Tage damit in die Quere kamen, zeigen die Anstrengnngender finstern Mächte, um sie in dieser Beziehung zu verdächtigen. — Bemühungen,die bis ins Lächerliche getrieben wurden; bekanntlich das beste Mittel, die beabsichtigteWirkung auch beim Volke zu schwächen.
Allein ich muß Ihnen ausdrücklich bemerken: die Krankheit der Zeit liegt zu-nächst nicht in der eigenthümlichen Verfassuug der Massen und zumal nicht des Land-volks. Es ist dieses wie gesagt, bloß geködert durch Interessen, die ihm greiflich,