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unbedingt nöthige) Anzahl von Chorsängern Platz fände. Die menschliche Stimme,die unmittelbare Trägerin deS heiligen Wortes, nicht aber der instru-mentale Schmuck, oder gar die triviale Geigerei in den meisten unserer jetzigen Kir-chenstücke, muß jedoch den unmittelbaren Vorrang in der Kirche habenund wenn die Kirchenmusik zu ihrer ursprünglichen Reinheit wieder ganz gelangensoll, muß die Vocal musik sie wieder ganz allein vertreten. Für die einzignothwendig erscheinende Begleitung hat das christliche Genie das würdige Instrument,welches in jeder unserer Kirchen seinen unbestrittenen Platz hat, erfunden, — dießist die Orgel, welche auf das Sinnreichste eine große Mannigfaltigkeit tonlichen Aus-drucks vereinigt, seiner Natur nach aber virtuose Verzierung im Vortrag ausschließtund durch sinnlichen Reiz eine äußerlich störende Aufmerksamkeit nicht auf sich zu ziehenvermag. Für die Aufstellung eineS starken Sängerchores statt des Orchesters ist dieunS überwiesene Räumlichkeit in der hiesigen katbolischen Hofkirche ganz vorzüglichgeeignet, und es muß die Wirkung seines VortrageS eine ungemein scdöne und erhe-bende in diesem Gebäude seyn, welches in seiner Akustik der ruhiger sich bewegendenmenschlichen Stimme von größtem Vortheil ist, während daS unruhiger sich bewegendeInstrumentale von oft höchst nachtheiler Wirkung für das Gehör und somit für daSVerständniß der Musik wird, da der außerordentlich thätige Schall eS verwischt undzur Dissonanz bringt.
Zwei Hindernisse stehen zunächst der Einführung der reinen Vocalmusik inunserer katholischen Hofkirche entgegen. DaS erstere, durch einen geeigneten Entschlußder betreffenden Behörde sogleich zu beseitigende, besteht in der, für Herstellung einesguten und starken Chores nothwendigen Zulassung von Frauen, so wie in der Un-möglichkeit, dieß Personale nur aus Mitgliedern deS katholischen Kirchenverbandeszu stellen. DaS zweite, erst mit der Zeit nach und nach zu überwindende Hinderniß,besteht in dem Mangel an Vorrath der nöthigen Kirchenstücke für reine Vocalmusik.Ihm kann nur nach und nach abgeholfen werden und es möge dafür folgendes Ver-fahren eintreten. Schon jetzt wurden eine Anzahl geeignet erscheinender CvmposnionerPalestnna's und seiner Nachfolger ausgesucht; die Capellmeister erhalten den Auftrag,die verloren gegangenen Ueberlieferungen für den Vortrag derselben nach künstlerischemErmessen wieder herzustellen, diese Werke somit, wie dieß erwiesener Maßen sehrwohl möglich ist, zu der vollen Frische und Wärme religiösen AuSdruckeS wieder zubeleben und für daS Einstudiren in diesem Sinne Sorge zu tragen. — AuS einemweiter unten zu ermittelnten Fonds werden an sämmtliche Componisten deS Vater-landes und Deutschlands überhaupt Preise für gute Kirchencompositionen im reinenVocalsatz, zugleich auch für Auffassung älterer Kirchencompositionen mit zweckmäßigerWiederauffrischung und Bezeichnung deö VortrageS derselben, ausgeschrieben. — Bisnun mit der Zeit das R pertoir stark und mannigfaltig genug geworren ist, um dengesammten Bedarf eineö Kirchenjahres damit auszufüllen, muß der bisherige Bestandder Kirchenmusik in der Weise aufrecht erhalten werden, daß zunächst nur ausnahms-weise ab und zu der Dienst durch reine Vocalmusik mit verstärktem Chor versehenwird; in dem Verhältnisse nun, als der Vorrath von Bocalcompositionen anwächstund zugleich die jetzt bestehenden, nach und nach aufzuhebenden Contracte der bis-herigen Kirchensänger sich auflösen, u ird allmälig die jetzige gemischte Kirchenmusik,also auch die Mitwirkung deS Orchester«? dabei, gänzlich aus der Kirche zurückgezogen,und endlich der Vocalmuflk und ihren Composirionen allein Platz zu machen. DaSOrchester wird dagegen in größeren geistlichen Concerten genügend dazu beitragenkönnen, im Verein mit dem vollen Chor die Meisterwerke der Musik im gemischtenStyl als eine selbstständige Musikbegleitung der Oeffcntlichkeit vorzuführen, so daßmit dieser neuen Einrichtung nur daö Schlechte, nicht aber daö Gute, waö indieser Gattung geschaffen ist, verloren gehen wird."