Ausgabe 
11 (15.6.1851) 24
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lich denjenigen, welche zur ursprünglichen Zucht zurückkehren wollen, besondere Ordens-häuser anweiset und es ihnen erleichtert, sich auszubreiten. Da nämlich fast alle,welche die Welt verlassen, ein wahres Ordensleben suchen, so pflegen diese Reformenviele Novizen zu haben, während die andern allmälig aussterben. Wollte man dagegendiese letztern mit Strenge zur Befolgung der ursprünglichen Regel anhalten, so würdeman ihnen erstlich damit nicht auch den ursprünglichen Geist, auf den doch endlichalles ankommt, einflößen, und überdieß zu nicht ganz unbegründeten Beschwerden Ver-anlassung geben. Es ist allerdings wahr, daß die nach und nach entstandene Mil-derung der Ordensregel, besonders in Bezug auf das Gelübde der Armuth, zu Mißbräu-chen zu führen pflegt, die weder gutgeheißen noch geduldet werden können; aber jeneMilderungen selbst sind doch meistens vom heiligen Stuhl gestattet, oder wenigstensgeduldet. Es können also die Ordensleute einwenden, daß sie ihre Gelübde abgelegt,als diese Milderungen rechtlich bestanden, und daß man sie also nicht zu einer größernStrenge, als wozu sie sich verpflichtet, anhalten könne. Wenn demnach die Son-derling, von der ich oben redete, das einfachste und kräftigste Mittel ist, so hat dochder heilige Vater auch andere, durch die derselbe Zweck wenigstens zum Theil erreichtwerden kann, nicht unversucht gelassen. Auf seinen Befehl haben sich die Generälederjenigen Orden, in welchen eine Abweichung von der ursprünglichen Verfassung Stattgefunden hat, zuerst vor ihm selbst, dann öfter unter sich versammeln müssen, um sichüber die Maaßregeln, die zu ergreifen seyen, zu beratheu. Es handelt sich bis jetzthauptsächlich darum, das gemeinsame Leben, wenn nicht in seiner ganzen Strenge,doch zum großen Theile wieder einzuführen. Dieß ist denn ohne Zweifel auch derwichtigste, aber eben deßhalb auch der schwierigste Punct. Um die Frage recht zuverstehen, muß man wissen, daß in manchen Orden die Sitte eingeführt ist, den ein-zelnen Ordensleuten für ihre Kleidung und andere kleine Bedürfnisse jährlich einegewisse Summe Geldes zu geben, mit der sie sich dann das Nöthige selbst verschaffen.Da es nun aber auch uicht gerade gegen daS Wesen des Gelübdes der Armuth ist,daß ein Ordensmann mit Erlaubniß seiner Obern Geschenke oder auch, was ihm fürDienstleistungen geboten wird, annehme, und wiederum mit Erlaubniß der Obern verwende, so folgt, daß die Ordcnsleute eine mehr oder wenigerreiche Privatcassehaben, auS der sie sich mancherlei, was vom Kloster der ganzen Gemeinde nicht ver-abreicht wird, anzuschaffen pflegen. Wie gefährlich nnn eine solche Sitte dem Geisteder klösterlichen Armuth und Enthaltsamkeit, dem brüderlichen Gemeinsinn und deminnern Frieden werden muß, ist leicht abzusehen. Dahin also geht das Bestreben, dieursprüngliche Sitte, die aber natürlich auch noch in vielen Orden, z. B. in dem derPassionisten, Redemptoristen, Jesuiten u. s. w. herrscht, wieder einzuführen, daß näm-lich daö Kloster für alle wahren Bedürfnisse der Individuen sorge, und jenePrivatcassen abgeschafft werden. Manche Ordensobern haben in dieser Absicht einst-weilen Verordnungen getroffen, durch welche dieselben zwar nicht verboten, aber dochsehr beschränkt wcrven. DaS gemeinsame Leben nämlich in seiner ganzen Reinheit ein-zuführen, wäre eine durchgreifende und fast allgemeine Reform; denn wie man leichteinsieht, hängt diese Sitte mit einer Menge anderer Gebräuche zusammen. Wo manalso das gemeinsame Leben einführt, da geht man auch leicht zur vollen Beobachtungder ganzen ursprünglichen Regel zurück: uud es ist hauptsächlich deßhalb, daß,wie ich oben sagte, eine Scheidung nothwendig scheint. Doch hat der General derFranciscaner ein Rundschreiben erlassen (datirt vom 14. Januar, aber erst kürzlichöffentlich mitgetheilt), in welchem er Anordnungen trifft, die ohne eine eigentlicheTrennung in verschiedene Zweige des Ordens eine solche Umgestaltung herbeiführensollen. Es gibt nämlich schon feit langer Zeit in jeder Provinz dieses Ordens wenig-stens Ein Haus, in welchem die Regel in ihrer ursprünglichen Reinheit beobachtet,und von der eingeführten Milderung kein Gebrauch gemacht wird. Es ist dieß dassogenannte ketiro oder Seevssus. In ciu solches Haus der strengen Observanz ziehensich die Ordensleute, welche wollen, aus freier Wahl zurück. Außerdem war bereitsvorgeschrieben, daß die Novizenhäuser auf dieselbe Weise eingerichtet würden. Nun