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das anderemal zugegen gewesen seyn. Der Eindruck ist tief, die Theilnahme allge-mein. Das Erschütterndste aber und der Beweis der nachhaltigen Wirksamkeit istbesonders dieß, wenn die Tausende von Menschen Abends gegen 9 Uhr aus demDome heimziehen, so still, so in sich gekehrt, daß man kaum ein Gemurmel hört.Da besonders drückt sich so recht der Contrast zwischen einer solchen Versammlungund einer demokratischen aus. Letztere speculirt nur mit den menschlichen Leidenschaf-ten und erregt sie; diese dagegen regelt und beschwichtigt sie. Daher der ingrimmigeHaß dieser Leute. So rief voll Unmuth dieser Tage ein rothbärtiger Gesinnungs-mann am Dome: So lange noch das Volk von diesen Jesuiten sich gängeln läßt,erhalten wir keine Republik ! Auch bei Protestanten findet die Mission Anerkennung.Gestern Abend kam noch Pater Schlosser an. Pater Noder hat sich schon Blut-speien angepredigt. Alles war tief ergriffen, als er gestern mit seiner „crstorbenen"Stimme, wie er sagte, nur noch halb vernehmbar, aber durch sein Auftreten alleinschon hinreißend und belehrend, die Pflichten der Eheleute vor 3000 bis 3500 Men-schen in eben so zarter als tiefer und wahrer Weise auseinandersetzte. Noch keinWort kam vor, das den Feinden der Mission zu Verleumdungen oder Verdächtigun-gen Anlaß geben könnte. Wäre nicht eben die Zeit des TabaksetzenS, mit dem alleunsere Landleute vollauf zu thun haben, der Tempel wäre zu klein, und wir müßtenins Freie ziehen. Ob bis Morgen und Fronleichnamstag es nicht so der Fall seynwird, steht dahin. (M. I ) _
Köln , 15. Juni. Heute feierte der von Herrn Domvicar Kolping gegrün-dete und geleitete Gesellenverein in der Minoritenkirche sein Stistungssest. Derhochwürdigste Weihbischof Dr. Buudri hielt das Hochamt und reichte nach der Com-munion an 300 jungen Mitgliedern dieses Vereines das heilige Abendmahl. DieHaltung dieser jungen Männer machte auf die Anwesenden, welche die große Kirchefast ganz füllten, einen höchst günstigen, ja rührenden Eindruck. Während der gan-zen Feier wurde eine einfache Choralmesfe durch Vereinsglieder mit einer Kraft undPräcision gesungen, daß die Vorzüge des alten Chorales auch dem wärmsten Freundeder neuen Kirchenmusik einleuchten mußten. Diesen Abend wird im Locale deS Ge-sellenvereineS eine Versammlung stattfinden. (M. I.)
London , 16. Juni. Von Seiten seeleneifriger Hochkirchler ist bekanntlich fürdie Dauer der Industrieausstellung Fürsorge dafür getroffen, daß von protestantischenPredigern in verschiedenen Sprachen gepredigt wird. Es sind gegen zehn fremde Pre-diger hier anwesend. Für die Katholiken predigt der Pater Ravignan aus der Ge-sellschaft Jesu . Die Sache hat einem bekannten Puseyiten, dem Rev. W. Richards,Anlaß zu einem ächt puseyitischen Schreiben an den Bischof von London gegeben.Er sagt: dadurch, daß mehrere anglicanische Pfarrer protestantischen Predigern erlaub-ten, in ihren Kirchen zu predigen, werde in den Augen Europa'S die „apostolischeKirche von England " den „modernen protestantischen Serien" gleichgestellt. Er ver-weist dann auf einen Canon, der dadurch verletzt werde. Die Sache sey ganz anders,wenn Pater Ravignan in einer anglicanischen Kirche predigen wolle: ihn sehe dieenglische Kirche als einen Priester der „allgemeinen Kirche" an, er brauche nur ge-wisse in jenem Canon angegebene Artikel zu unterschreiben, um in der englischenKirche alle priesterlichen Functionen vornehmen zn können; protestantische Predigerdagegen könne die englische Kirche nur als Laien betrachten. Diese Auffassung ist sehrmerkwürdig, und consequent puseyitisch. Der Bischof von London ist vorsichtiggenug gewesen, nicht darauf einzugehen; er hat einfach geantwortet, die Sache solleuntersucht werden.
Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen.
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