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ihre Fürsten glaubten bald zur Sicherung ihrer Gewissensfreiheit mit demselben feind-lichen Frankreich unterhandeln zu müssen.
Doch nicht um bittern Gefühlen Raum zu geben, ergriffen wir die Feder;lassen wir die stolze nationale Vergangenheit und suchen wir unter den Ruinen derGegenwart in aller Demuth eine Stelle wieder auf, wo vor dem unbefangenen Auge,das von Nationalität, Politik und Parteiwesen abzusehen vermag, die ewig sich ver-jüngende christliche Cultur, wenn auch jetzt auf französischem Boden, ein tröstlichesBild kräftiger Aussaat für die Zukunft zu entfalten scheint.
In der That war Metz wohl niemals eine ganz deutsche Stadt geworden; einKern der romanischen Bürgerschaft muß sich immer, auch unter den Merowingernerhalten haben und nur die alltägliche Ergänzung der untern Stände, der dienendenClasse besonders, die noch zur Hälfte aus der nahen Landbevölkerung emporwächst,kann daS deutsche Gepräge in den GesichtSzügen, wie im Leben des Metzer Bürger-standeS erklären. DiescS solidere, elwaö schwerfällige und altmodische Gepräge unter-scheidet den Wohlstand von Metz sehr vortheilhaft von den Städen deS innern Frank-reichs und selbst von manchen modernen deutschen Residenzen, die bei gleicher Größeund einer gleichen Bevölkerung vost 50,000 Seelen vielleicht mehr Intelligenz oderAnspruch darauf besitzen, aber weniger ächten Bürgersinn, weniger Einsicht in diewahren Bedürfnisse, weniger guten Geist, um dieselben mit nachhaltigen Opfern aus-zugleichen, Metz hat aus den Zeiten vor der ersten französischen Revolution von frü-hern Stiftungen wenig mehr als die Mauern der Kirchen und Hospitäler gerettet;die alten Klöster leben nur in den Straßcnnamen fort. Alle Umwälzungen, wiezuletzt auch die von 1848 haben zwar ihre glorreichen Devisen von Freiheit, Gleich-heit, Brüderlichkeit wieder auf dieselben nackten Mauern hingepinselt und durch denabstractcn Satz der Verpflichtung der Commune gegen ihre Armen in den Gesetz-büchern sich verewigt, für das Leben aber keine Hilfsquellen, sondern nur Schulden,Bedürfnisse und unstillbare Ansprüche zurückgelassen. Der Bürgersinn muß also aussich selbst, auS seinem Jahreseinkommen, alle Mittel finden: aber zum Glück fühlensich die Einwohner nicht blos als Bürger der steuererhebenden Civilgemeinde, sonderndie Mehrzahl auch als Bürger der katholischen Welt und als solche findensie Muth, Kraft und Freude, in dem nächsten Gesichtskreise ihrer Stadt überall zusteuern, wo der christlichen Liebe die freie Bewegung gelassen ist. Sollte ich darinzu günstige Eindrücke empfangen haben, sollten manche der Einrichtungen, die icherwähnen werde, nicht in freiwilliger Liebe, sondern in der eisernen Noch ihren Ur-sprung haben, in der Furcht, in dem Vorgefühle, daß, ohne die äußersten Anstren-gungen heute, die gesellschaftliche Ordnung übermorgen ein Raub deS Wahnsinnesund der Zerstörung, der Schauplatz eines modernen Sklavenkrieges werden kann;sollte endlich auch ein Einzelnes für deutsche Verhältnisse nicht maßgebend erscheinen,nun, so schätze ich Frankreich doch glücklich, daß daS Uebermaß der Auflösung dortenbereits den Anfang einer Neubildung hervorbringt, und ich erkenne es geradeals wesentlichen Vorzug an, daß AlleS so nüchtern und praktisch begonnen wird,nichts die Spuren eines vorübergehenden poetischen Aufschwunges, eines idealenErperimentirenS an sich trägt.
Uebrigens hat Metz keine eigentliche Fabrikbevölkerung, kein gefährliches Prole-tariat und man kann gar nicht sagen, daß örtlich die Noth so groß wäre. Einsolider Binnenhandel, mit bedeutendem Frachtfuhrwerk, reichliche Märkte und öffent-liche Arbeiten verschaffen den ärmern Classen in der Regel gesicherten Verdienst.Trotz der bekannten Parteinuancen, die auch in Metz vertreten sind, ist die Bürger-schaft doch ziemlich gleichartig und verträglich, alle Fractionen sind in einem gemein-samen Bürger-Casino (bereis) vereinigt, nur die der äußersten Rothen nicht. Vonungleichartigen Elementen ist die geringe protestantische Gemeinde von 500 Seelenkaum zu nennen, die zahlreichen Juden haben trotz der prächtigen, von den neugläu-bigcn Reichen erbauten Synagoge, in der Bürgerschaft doch keinen Einfluß; nur dereine nicht einheimische Bestandtheil, die starke oft über 14,000 Mann betragende