Eilfter Jahrgang.
Sonntags-Beiblatt
zur
Augsburger Pojtzeitung.
80. Juli M'- 29. 2851.
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Aus dem Reisebericht eines Pseudonymen Amerikaners: El-Mnkattem, geben wirfolgenden lebenvollcn Prospekt der heiligen Stadt:
„Das Kloster Mar-Elia lag vor uns. Es steht, nach der Aussage der Mönche,auf der Stelle, wo der Prophet auf seinem Wege nach Beerscheba Rast hielt, undsie zeigen den Abdruck des ruhenden Körpers in dem Felsen. Aber nicht das Klostermit seinen weißschimmernden Mauern lockte uns und trieb unS vor sehnsüchtiger Er-wartung das Blut raschen Laufes durch die Adern. Wir zitterten vor Begierde undsetzten unsern Pferden die Sporen ein, um die Anhöhe zu erreichen, weil wir wußten,daß wir von dort aus Jerusalem sehen werden. Die Gcmüthsspannung, in der wirden steinigen Pfad hinanhastetcn, machte uns sprachlos; Freude und ehrfurchtsvolleScheu zumal überwältigten unsere Herzen, je näher wir dem Gipfel kamen. Ver-gangenheit und Gegenwart trat in der Seele Hintergrund zurück, und nur an derbevorstehenden Aussicht hafteten die Gedanken. Die Höhe hinan klimmten wir umdie Wette mit steigendem Feuer. Endlich war der Höhepunct erreicht, und vor unsernentzückten Augen lag sie schön und friedlich, die heilige Stadt. Nicht in den wilvenUrwäldern der westlichen Welt, nicht unter den Niesentrümmern ägyptischer Kunst,nicht auf den schneeverhüllten Firnen deS Schweizerlandes hat je ein Punct unsernBlick mit solcher Gewalt festgehalten. Die Gewandung der Natur in dem Lande deruntergehenden Sonne ist weit reicher. Die Hallen von Kornak offenbaren die höchstenTriumphe menschlicher Macht. Der Alpenreigen führt noch edlere Schauspiele derErdenherrlichkeit auf. Hier aber ist mehr, als das Alles: Hier läßt der Himmelseine Schechinah thronen und kleidet ZionS Hügel in das Kleid der Glorie. Diesüßesten Erinnerungen schweben gleich freundlichen Engeln über Salems Thürmen.Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verflechten sich zu einem Kranze um dieOrakelstätte Gottes. Das ist Zihon, die Heimat des königlichen Psalmcnsängers;da Moriah, der Berg des GotteS Israels, und dort, in ein eigenthümliches Laub-grün gehüllt, der milde und heilige Oelberg. Wie Feuersäulen, gebadet in demStrahlenmeer deS Kreuzes, erheben sie sich vor der ermüdeten Seele. ES war eingroßer, unaussprechlicher Anblick. Wie in jauchzenden Ausrufen machten die über-flutheuden Herzen den Strömen des Gefühls Luft. Wir schauten zurück auf Beth-lehem — dort war die Wiege; wir wendeten uns zu der Schävelhöhe — hier wardaS Grab. Zwischen beieen ward Himmel und Erde versöhnt. Wir weilten noch,um aus diesem ersten Becher einen tiefen Zng zu thun, und eilten dann, die Stadtzu erreichen."