Ausgabe 
11 (20.7.1851) 29
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Katholisches Leben in einer französischen Provinzialstadt.

(Fortsetzung.)

Metz ist ganz besonders reich mit weiblichen Erziehungsklöstern ausgestattetund zwar, wenn man die der Nachbarschaft hinzuzählt, für alle Classen der Gesell-schaft. Obenan steht wohl der Orden der Damen vom heiligen Herzen Jesu,dessen Stifterin, Madame Barrat, nachdem sie in 50 Jahren und in welchenJahren! mehr als 60 Häuser in Frankreich, Belgien, Oesterreich, Italien, Spa-nien, England, Holland, Nordamerika und Algier gegründet, noch heute zum Trosteder Ihrigen unter den Lebenden, in diesem Augenblicke in Rom verweilt und mehrals 6000 fromme Seelen über den Erdkreis hin zu Schwestern zählt. Wie wenigenGelehrten, die vielleicht ihr halbes Leben über dem Studium des Vercinswesens hin-bringen und nach den Quellen dieses geheimnißvollen Stromes in dem Wüstensandeder Theorien graben, wie wenigen Zeitgenossen überhaupt ist das Wunder dieser ein-fachen Thalsache, ist der kurze Name jenes schwachen Weibes bekannt! Und dochkönnten Staatsmänner und Gesetzgeber an ihrem Vorbilde lernen, Philosophen undDichter den reichen Schatz der böchsten den Frauen anvertrauten Weisheit bei ihrerkennen lernen, den doppelten Schatz deS göttlichen Mutheö und der Demuth, derin dem einfachen Geheimnisse beschlossen liegt:Siehe ich bin die Magd des Herrn."Ein übernatürlicher Muth gehört allerdings zu dem Unternehmen, in dieser Zeit, beiden Anforderungen der heutigen Salonbilduiig, die Kinder der höhern Classen aus denHänden der Welt zu übernehmen, um sie für das Aeußerliche zwar auch mit dernöthigen Zierde oder Bürde deö Wissens und der Künste, innerlich aber mit jenemeinzigen Schatze des Glaubens, wie mit dem Faden der Ariadne, ausgerüstet nachwenigen Jahren derselben äußerlichen Welt als Sendboten einer erneuerten christlichenFamilie wieder entgegen zu schicken. Aber das starke Bedürfniß hat auch ein neuesGeschlecht von Berufenen dazu geboren. Das Zeugniß, welches hier von dem HausedeS Sserv eoour in Metz auS längerer Bekanntschaft abgelegt wird, darf wohl inden Hauptzügen auch von allen Schwesterhäusern gelten; denn die Hand, welche eSniederschreibt, muß es sich aus Ehrerbietung versagen, dasselbe auf die Schilderungbesonderer Persönlichkeiten zu stützen, und daS Kreuz, welches die Damen auf derBrust tragen, hat überall dieselbe Inschrift:Ein Herz und eine Seele ." >

DaS Haus selbst ist besonders nach der Straßenseile nicht schön; es besteht auseinem ganzen System von kleinern, nach und nach zusammengekauften Gebäuden undHöfen; aber ein großer schöner Garten, der in Terrassen nach der Moselseite hinuntersich ausbreitet, rundet das Ganze ab und gewährt den Raum zu einem neu undplanmäßiger zu erbauenden Hause. In der freundlichen Hauscapelle, worin etwa200 Personen Platz haben, kann der ersten heiligen Messe auch der auswärtigeBesucher auf einer Emporbühne beiwohnen. Da wird er, bevor die Kinder in langerReihe zwei und zwei unten eintreten und nach der Verbeugung vor dem Altare dieRäume und Bänke in der Mitte ausfüllen, auf beiden Seiten an den Wänden dieDamen und Schwestern noch im Absingen ihres ersten Officiums begriffen finden under wird glauben, aus den abwechselnden himmlisch reinen Stimmen den Chor derSchutzengel nachklingen zu hören, welche die Nacht hindurch die Schaar der Kinderin unschuldigem Schlummer in ihren weiten Schlafsälen behütet haben. Währendder heiligen Messe wird auch von den, Kindern gesungen und an Sonn- und Festtagendie Orgel gespielt. Den übrigen Tag kindurch wechseln in öftern kurzen Zwischcn-räumen die halbstündigen Unterrichtögegenstände mit den vollen Stunden, welche zurVorbereitung, zu weiblichen Arbeiten, zu Musik und Zeichnen oder zu andern Privat-stunren bei städtischen Lehrern bestimmt sind, sodann mit den Erholungen und denvier täglichen Mahlzeiten. Was man von der Verwandtschaft des weiblichen Ordensvom heiligen Herzen Jesu mit dem männlichen der Gesellschaft Jesu so häufig hört,erscheint äußerlich besonders in der großen, frischen und unermüdlichen Thätigkeit,welche verbunden mit den innigsten Uebungen deö innerlichen Lebens das eigene