Eilfter Jahrgang.
Sonntags-Beiblatt
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zur
Augsburger Pojheitung.
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27. Juli 3V. 1851.
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Was das Mährchen von Oskar v. Redwitz uns Schullehrern
erzählt.*)
„Und ach! vor Allem die Mütter ich bitt',Ich bitt' sie drum aus ganzem Herzen:Bringt doch auch ja die Kindlcin mit!
So bittet in zarter Weise der Mährchenerzähler die heiligen Sonnen der Kin-derwelt zu sich, um ihnen sein Mährchcn vom .Waldbächlein und' Tannenbaum zuerzählen. Ja Mütter! kommt heran mit Euren Kindlein und vernehmet, welch' schöneMähre der Dichter Euch singet! Der Tannenbaum ist Euer ewig grüneS Herz, dasEuch die Gottheit in den Busen gelegt hat und daS nur dann nicht Thaten voll-bringet, wenn Ihr es nicht kennet. Würdet Ihr kennen, wie edel und erhaben Euchdie Gottheit geschaffen, würdet Ihr den Segen und den Adel wissen, der in EurerSeele liegt, Ihr würdet stolz seyn, daß Ihr wie der Tannenbaum über Eure Pfleg-linge wachen dürfet. Und sehet: der liebliche Sagensänger sagt eS Euch — unv wiezart, wie lieblich und doch wie kräftig!
Des Morgens in der frühesten Stunde,Da schüttelt er sacht mit weichem MundeDen Himmelsthau zum Fclsenbcckcn,Dc« jungen Brünnlcins Aug' zu klären,Und ihm des Lebens Kraft zu nähren.Das seyd Ihr, Mütter, wenn Ihr des Morgens das geweihte Wasser überEure Lieblinge schüttelt und mit dem Kusse Eures Lebens Leben ihnen einathmet.
Da gab cö wegen der SonncnglutAlltäglich wieder neue Sorgen.Was gab er sich nicht da für MüheUnd bog darüber sein dichtes Reis,Daß ja kein Mittagsstrahl zu heißIn seinen frischen Spiegel glühe.Welch herrlich Bild der Mütter! Wird eS dem Kinde zu heiß, ein kühlendDach birgt es vor den Sonnenstrahlen, über des freundlichen Engels Haupt errichtetvon der Mutter. Und also singt das Mährchen fort: Die Blumen all' und Vögc-lein ruft der Tannenbaum zusammen, um sein Brünnlein, das er sich zu Füßengelegt, zu schützen, zu erheitern, zu erlustigen. DaS sind die feinen geheimnißvollenKünste alle, die die Mutter sucht und in sich findet, um ihrem Kinde Daseyn und