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Leben suß und wonnig zu machen. Und das Brünnlein, das ist das Kind, dasaus dem Schooße der Mutter getreten, an ihrem Leibe hängt und klammert, so langedie Fuße eS nicht tragen, auch dann noch von der Mutter Hand nicht läßt, bis eSmit erkräftetem Fuße den Boden drückt und stampft und nun zum Selbstbewußtseynkommt, daß es stehen könne. Da stellt eS sich auf und schaut als persönliche Selbst-heit stolz umher und steht nimmer ein, warum es sich führen und leiten lassen solle.ES tritt aus der Mutter schützendem Liebesarm und läuft hinaus in die Welt, ver-gessend aller Liebeserweise, die es zu Hause erfahren. Und die Mutter, sie fragt,
Ist's für ein Kind im MuttcrarmDenn gar so arg darin zu ruh'n?
und klagt:
Vom Walde klang ein Klagen dumpf:Ums Bächlein rief der Tannenbaum.
Doch daS Brünnlein
Grub durch Gestein und Moos
Sich links den Weg und macht sich los.
Und mied den Weg zur rechten Hand.
Bald aber kam eS in einen Strom, und endlich mußte eS bei einer Ucber-schwemmung mithelfen. Nachdem diese abgelaufen, lag es nun entblößt und zerrüttet da
Die Sonne sank in blut'ger Pracht.
Du arme Mutter, gute Nacht!
O Bächlcin! Gott erbarm' sich Dein.
Da schickt ihm aber der Tannenbaum einen Zweig, der das sehnende Kindleinzurückführt. Die Freude ist groß im Tanncnhaus.
S' ist ausgcsehnt! s' ist ausgetrauert!
So freut sich die edle sinnende Mutter, wenn ihr Kind aus der Fremde, dieihm Verführer war, reuend und sehnend zurückkehrt.
Solche Lehre gibt der Sänger Amaranths den Müttern und Kindern im Mähr-chen. Dazu hat er sie zum Moossitze gerufen.
Der Ruf ist aber weiter gedrungen, als des TannenbaumeS Gipfel schauen, erist all' überall hingedrnngen, hat gut vernehmende Ohren getroffen, und Dieser hatJenes und Jener sich Dieses abgelernt. Also will es der Dichter.
Schon seh' ich vor mir Gast an Gast,Ich spring' vom Moos mit raschem Fuß:Sey mir willkommen, edle Schaar,So Mann wie Fräulein, Mutter, Kind!Darum bitten wir Lehrer den süßen Sänger, er möge auch uns horchen lassenam tiefen Sang, daß auch wir lernen vom Tannenbaum und Brünnlein. Bittenwir ihn, daß er zu uns sage:
Komin' setz' sich traulich mir zu Füßen,2ch lad' auch dich zum Horchen ein.Es ist uns zur große» Ehre, in der Reihe Platz finden zu dürfen; denn nichtnur „Jungherren" und „Jungfräiilein" sitzen in der Runde, sondern graue und ernsteHäupter viel, die auf hohen Stühlen sich wundgesessen und im sanften MooS beijungem Sang sich das Herz verjüngen wollen. Die manch' Brünnlein schon zurRuhe und Ordnung gewiesen, die mancher Quelle den Todtensegen schon gegeben,sie sitzen all herum um den Tannenbaum und horchen still und stumm, und ihreHand nimmt die Richtung zur Brust, um der Wahrheit Recht zu geben. Drum eilenwir Lehrer hin auch und hören wir, was da gesprochen wird.
Es war einmal ein Tannenbaum,Der stand am dunkeln BergcssaumWohl viele hundert Jahre schon.