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Einst lag umher ein todter Moor,Nicht Laub, nicht Blume sproß hervor,Nur Schierling wuchs und Schilf und Dorn
Vom Tanncnbaumc treu umdacht,Von mächt'gcr Wurzeln Arm umfaßt,In tiefem Moosumblühtcn Schacht,Gar frisch ein junges Brmmlcin quoll;Noch war es nicht des Wassers voll.
Was dem er that, das denkt ihr kaum!Ja sonder Rasten Tag und NachtWar um sein Brünnlcin er bedacht —Das treuste Mntterhcrz auf ErdenKann für sein Kind nicht sorglicher werden.
Und sprach zu ihm mit frommem Wort
Von seinem Lieben, seinen Sorgen,
Und wie er sey sein Himmclshort,
Bei dem allein es treu geborgen, >
Bis eö des Wassers Fülle gewonnen.
Dieß ist der AusgangSpunct und der erste Abschnitt des großen Drama'S, dasdaö Weltbrünnlein abspielt und mit sich abspielen läßt.
Es ist aber auch der erste Abschnitt der christlichen Pävagogil. „Einst lagumher ein todter Moor." Die die Jugendbildung vor dem den Nebeln entstiegenenTannenbaum Christus in Händen hatten, die jüdischen und heidnischen Familien undStaaten, konnten ihrer Thätigkeit das rechte Cnvziel und den rechten AusgangSpunctnicht setzen, und so blieb verworren und sumpfig das ganze Bilduugswerk. Währenddie Einen National- und Patriarchalstolz zur Frucht sich wünschten, glaubten die An-dern, deS Menschen Bestimmung erreicht zu haben, wenn sie dem Körper eine schöneoder kräftige Form gegeben hätten. Daß die Gottheit allein und ihr Genuß derBegriff unsers Lebens sey, und in ihr die Welt erst gewonnen werden müsse, daswar ihrem Geiste verborgen. DaS Brünnlein war verschüttet und seufzte tief unterGestein und Schlamm Da zogen die Nebel von danncn und ein Tanncnbaum erschienin klarem Lichte, der Heiland der Welt. Er räumte das Gestrüpp vom Platze undzog daS armselige Quellchen zum Tageslicht, setzte ihm Gränze uud Rinnsal undblieb an dessen Ufer stehen, zur Wache, zum Schutze. Doch das Gestrüpp war desTeufels Werk und der Kampf gegen ihn endete mit deS Heilandes Tode — undSiege. Nun hat der Schützling guten Lebens genossen, mit dem Safte der Tanneward er gesäftigt und getränkt. Der Erlöser, Mittelpunct der Welt, wird auchMittelpunct der Bildung und Civilisation. Lange, viel hundert Jahre, ward dießanerkannt vom Brunnen; deß sind Zeuge die ersten Christen. Ihnen war des Tan-nenbaumes Wort und Geheiß Gesetz; wie er eS andeutete, setzten sie ihren KinvernBilbungsziel und Bildungömittel — und befanden sich wohl dabei. Nicht haben siejedoch in Höblen und Kerker ihre Kinder eingepfercht und der Sonne Licht ihnenentzogen, nur des „Wassers Fülle," daS volle Wissen des Glaubens, und die volleKraft des kirchlichen Lebens ihnen vorher gegeben, ehe sie in die Welt und ihr Ge-schäfte sie entließen. DaS war die Zeit der katholischen Pädagogik.
So hat man auch uns Lehrern allen, als wir noch in den Schülerbänken saßen,einen Tannenbaum zur Seite uns gesetzt. Die Lehre Christi und der Kirche ist unseingegossen und der Religion segnende Mittel uns als Waffen mitgegeben worden.Wir waren brave hörende Kinder und nicht wahr? es war unS wohl! Wie süß istdie Erinnerung an unsere erste Communion, wie süß daö Gedenken mancher Lehre,die unS im Seminar gegeben und vor unS wohl schon durch das Leben bestätigtworden. Ja! eS ist eine selige Zeit, zu den Füßen christlicher Lehrer, zu den Füßen