Ausgabe 
11 (27.7.1851) 30
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des Herrn zu sitzen. Unser Herz bestätigt es, wenn auch der alberne Verstand esnicht einsieht.

Darum Lehrer, macht diese Zeit den Kindern süß! Auch unter Eurer schützen-den Obhut liegen solch glückliche Brünnlein, die ihr als Tannenbäume zu bewachenund zu beschützen habet. O schaut auf zu des MährchenS Tannenbaum, lernt esab von ihm, wie solche Kinder zu lieben, zu bewachen, zu führen sind. Es ist einhohes Ding ein solches Brünnlein! Sonst hätte der Mährchenbaum nicht also sehrbei Tag und Nacht Wache gestanden. Noch sind Eurer Pfleglinge Wasser nicht voll!Macht sie voll und mit rechtem Wasser! Gebt ihnen JesuS inS Herz, nicht in denVerstand! Hier wird er einst verloren, während er dort, wo deS Menschen wahr'stcund kräftigste Stelle ist, nur verdunkelt, nie vergessen werden kann. Ja! macht sievoll mit rechtem Wasser! Noch ist es Zeit, bald nimmer! Ich hör' das fremde Vöge-lein schon pfeifen! Darum eilt!

Doch wie es oft so gehen mag,

Da kam einmal vor'm früh'sten Tag

Ein fremdes Vög'lein hergeflogen,

Mit schillerndem Flaum, mit Schlangcnhaut;

Das aber sprach mit lauerndem Blick:

O Brünnlein, wie jammert mich dein Geschick,

Daß deine junge selige Zeit

Du so verdirbst in Einsamkeit.

Und daß dein blutjung freies LebenFür ewig willst gefangen gebenAn diesen alten Tannenbaum,Der dich ja doch nur darum liebt,Weil ihm dein Wasser das Leben gibt!

DaS Wort ward gehört und der Sprecher nicht abgewiesen. Wohl kostete esharten Kampf, das Brünnlein vom Tannenbaum zu ziehen, allein es gelang. Derfremde Vogel hatte gesagt:

Nun Brünnlein, nun ist's hohe Zeit,

Jetzt oder nie wirst Du befreit!

Ist frei dein Wille, so magst du's zeigen!

DaS traf; das Selbstgefühl, der Stolz ward rege; das Brünnlein wollte zeigen,daßfrei sein Wille" und fiel. Es grub

Sich links den Weg, und macht sich los;Und mied den Weg zur rechten Hand.

Es wollte nur ein wenig zum Walde hinauögucken, und dann wieder um-kehren zum Tannenbaum; allein

Wie's in die Weite den Blick möcht senden,Die ferneste Ferne war wunderbar,Und wollte der Zauber sich nimmer enden >Da schwanden dem Bächlein die Sinne ganz.

Der Tannenbaum war vergessen: es kehrte nicht zurück.

Vom Walde klang ein Klagen dumpfUm's Bächlcin rief der Tannenbaum.

Die Pädagogik war lange zu den Füßen der heiligen Kirche gesessen, wohlgehütet und erfreut. Sie konnte sich in süßer Ruhe in sich erstarken und kräftigen.