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Da kam aber vom 12ten Jahrhundert an ein fremdes Vögelein, Vorläufer des Pro-testantismus, uud Humanismus geheißen, und pfiff drei Jahrhunderte hindurch einfeincS Lied von Knechtung und Freiheit, von Dunkelheit und Licht; daS Brünnleinder wahren Menschenbildung hat lange dagegen gestritten und sich von ihm abge-wendet; allein als das Vögelein im Höhne die Menschen kraft- und saftlos geschol-ten, da hielten diese nimmer zu des Tannenbaumes Wort, sondern zogen allmäligweiter und weiter vom alten Horte weg. Auch sie wollten nur ein paar sreie Blickein die Welt werfen und dann Rückkehr nehmen zum guten Alten. Allein der Blickin Freiheit und Ungebundenheit war zu lockend und zu entzückend, als daß der letzteSchritt nicht gethan werden sollte. Und eS geschah. Die Reformation des lötenJahrhunderts hat die Pädagogik von der Kirche gerissen; diese hat die alte Muttervergessen, auf eigene Faust im Leben sich gegründet; sie hat vergessen, ihr Wassersich vorher zu füllen, ehe sie des Vogels Stimme erwogen. Von jenen Tagen schreibtsich , wie die Weltsärbung der Welt, so die der Pädagogik. Ob sie sich gut gebettet,soll daS Mährchen uns weiter erzählen.
Und wie es die Zeit gemacht zu jeder Zeit, so auch die Menschen, so ehemals,so jetzt. Welch' reicher, schöner Quell ist des LehrerS Herz, wenn eS sich nährt ander Lehre Jesu, sich die Adern füllt mit seinem Blute. So hat eS vor wenig Jah-ren nicht übel ausgesehen um den Lehrerstand. Hatte er auch der Mängel manchein seinen Geist mit aufgenommen, die die Welt nach seinem Eintritte in dieselbe ihmeingeschmuggelt, so war das Gemüth noch frei geblieben und der Wille besonderswar gut, rege und gelenk. Da aber kam der fremde Vogel auch und pfiff zu denkleinen Fenstern der allerdings gedrückten Männer hinein und rief ihnen zu: Ich sehekein Brod in Eurem Haus! Kommt mit, kommt mit! Ich will's Euch geben! EureMädchen und Buben, sie haben kein Kleid! Kommt mit, kommt mit! Ich will sieschmücken! Der Pfarrer, der ist ein harter Herr! Kommt mit, kommt mit! Wir wollenihn jagen! Kommt mit, kommt mit! Das war die lose Stimme der Emancipation und viele haben mit Aufmerksamkeit ihr gehorcht. „Der Hunger thut auch gar soweh! und die hohen Herrn sie leben so üppig. Wenn nur die Brosamen unser wären!mehr auch wollen wir nicht. Hält das Vöglein sein Wort und gibt uns mehr, gutdann! wir nehmen es nur in den Kauf. Wir folgen!" So sprachen Manche inBaden und am Rhein , „wohl hüben und drüben." Doch horch! ich höre einenSchuß!
Wie schmiegen sich jetzt auch so traulich und zart die Kinderherzen an Euch,ihr Lehrer der Jugend! Doch hört ihr nicht schon manchmal so einen Pfiff, wiewenn er aus der Seele deS Kindes käme? und draußen vor den Schulfenstern, daschwirren der fremden Vögel so viele an den Häusern vorbei, setzen sich den Schul-kindern aus die Schulter und singen ihnen in die Ohren: Glaubt nicht Alles, waSder Lehrer sagt! und viel, viel sagt er Euch gar nicht! Kommt mit, kommt mit hin-ter die Hecke, ich will Euch was gar Süßes sagen! Da länft so mancher blühendeKnabe und manches vorwitzige Mädchen nach, und wenn sie aus dem Verstecke kom-me», trauen sie Euch nicht mehr ins Auge zu blicken. Lehrer! der Vogel hat gepfif-fen! Gib Acht! gib Acht! Und erst, wenn die Schulbänke zerschlagen sind und dieKnaben Buben, die Mädchen aber Dirnen geworden sino, dann singt der Vogel Tagund Nacht! am Felde, in der Scheuer, am Nocken und im Stalle! Und schauet um,wie viele dem Lockvogel die Thüre gewiesen? Keiner; er würde sonst nimmer mehrrufen.
Ja! unsere Kinder sind schlimm, unsere Buben noch schlimmer! Gott lasse unssterben, ehe sie Männer werden!
Vom Walde klingt ein Klagen dumpfUni's Bächlcm ruft der Tannenbaum,(Fortsetzung folgt,)